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Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil Zwei

 

Timothy Rayden hatte seine Stadt schon immer geliebt. Niemals schien es dunkel zu sein, immer brannten die Lichter der verschiedensten Häuser und Ecken der Stadt. Groß gewachsen und hager stand er auf dem kiesbestreuten Parkplatz, die Plastiktüte mit dem alten Brot für die Enten in der rechten, den Autoschlüssel in der linken Hand. Vor ihm ragte die Graysonbridge triumphierend empor, das Mondlicht erhellte die Metallstreben auf eine magische Art und Weise. Das älteste Meisterwerk der Stadt, dachte er, während er sich auf den Weg machte. Der Kies knirschte unter seinen Schuhen, das Meeresrauschen wurde von weit entfernt herangeweht.

Timothy atmete den salzigen Geruch des Meeres tief ein und warf einer Gruppe Enten eine Brotkruste zu. Schnatternd stürzten sie sich darauf. Zum Glück etwas, das sich nie ändern wird, dachte Timothy. Humpelnd lief er die Küste entlang, immer weiter auf die Brücke zu, und warf hin und wieder Brotstücke nach links und rechts. Vor wenigen Monaten hatte ihn ein Auto angefahren; der Fahrer hatte Fahrerflucht begangen. Timothys Bein war deshalb angeschlagen und er hatte viele Wochen nicht gehen können. Man erkannte bei genauerem Hinsehen immer noch die Narbe an seinem Unterbein, jeden Abend betrachtete Timothy sie und versuchte sich an das Gesicht des Fahrers zu erinnern, jedoch ohne Erfolg.

Leise vor sich hinsummend betrat er schließlich die stabile Eisentreppe, die auf die Brücke führte. Es war das erste Mal seit seinem Unfall, dass er die Brücke betrat und sie nicht nur von fern betrachtete. Er schien nicht der einzige zu sein, der in der Nacht einen guten Ausblick über die gesamte Stadt haben wollte, denn auf der Brücke stand schon jemand. Timothy hatte unter Stöhnen und Ächzen gerade einmal die ersten zwanzig Stufen bewältigt und konnte so kaum etwas von der Gestalt erkennen, die dort auf der Brücke stand, aber den Umrissen nach zu deuten handelte es sich um einen Mann – oder aber um eine Frau mit sehr kurzen Haaren.

Timothy spürte, wie der Schmerz in seinem Bein zunahm. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen. Trotzdem ging er Treppenstufe für Treppenstufe, wie eine Motte vom Mondlicht angezogen. Er konzentrierte sich wieder ganz auf die Treppe, während es auch noch zu regnen begann. In Silent City regnete es mindestens einmal am Tag, aber es passte hervorragend zu der englischen Stadt, in der Timothy seit seiner Geburt lebte. Hier war er zum Kindergarten, zur Schule und zur Arbeit gegangen, hier hatte er seinen Großkonzern aufgezogen.

Er brauchte nur noch zehn Stufen zu bewältigen, dann hatte er es geschafft. Sein Atem rasselte bereits, das Asthma hatte wieder zugeschlagen. Timothy hob den Blick. Die Brücke war nun wieder leer, der geheimnisvolle Fremde schien gegangen zu sein. Vielleicht erinnerte sich der Fremde bei dieser Brücke auch immer an Dinge von früher, so wie Timothy sich zum Beispiel daran erinnerte, wie er damals mit ein paar Schulkollegen Steine auf die vorbeifahrenden Schiffe geworfen hatte. Einmal war Timothy für eine im Nachhinein ziemlich dämliche Mutprobe hinunter gesprungen. Er hatte sich zum Glück nur den Arm gebrochen, seitdem hatte er nie wieder gedacht, dass das Meer tief genug für einen Sprung war.

Endlich hatte er es geschafft. Die kühle Nachtluft erfrischte sein vor Anstrengung errötetes Gesicht, während er sich auf das Brückengeländer stützte. Unter ihm glitzerte das Meer tiefblau, über ihm schienen die Sterne zum Greifen nah. Der Mond schien durch die Metallstreben der Brücke und beleuchtete Timothy mit seinem hellen Schein. Für einen solchen Ausblick hatte es sich wirklich gelohnt. Timothys Herz machte einen Hüpfer, als ihm wieder hunderte Dinge einfielen, die er in dieser Stadt erlebt hatte. Er blickte über seine Schulter, wo die Häuser der „stillen Stadt“ wie ein Kunstwerk aus tausenden Kerzen leuchteten, blickte nach links und rechts, ließ seine Blicke über das rauschende und wispernde Meer schweifen.

Dann sah er den Mann.

Seine weiße Maske war mit Regentropfen gesprenkelt, seine kurzen braunen Haare vom Wind zerzaust.

Timothy hob zu einer Begrüßung an, doch irgendetwas an diesem Mann gefiel ihm nicht – nicht nur die Maske.

Seine Stimme versagte ihm, während er gerade zu einem „Guten Abend“ ansetzte. Sein Blick glitt rasch über die schwarze Lederjacke des Mannes, dann trat er vorsichtig einen Schritt zurück. Lauf, dachte er, lauf.

Doch er konnte nicht. Sein Körper schien ihm nicht mehr zu gehorchen, die Angst hatte ihn gepackt. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Angst gehabt, selbst als er die Brücke hinunter gesprungen war, selbst, als man seine Freunde und ihn verfolgt hatte, nachdem sie einen Bootsfahrer mit einem Stein getroffen hatten, selbst da hatte er nicht so eine Angst gehabt.

Timothy schaffte es, noch einen Schritt zurückzugehen, dann spürte er das kalte Brückengeländer hinter sich. Jetzt saß er in der Falle.

Guten Abend“, zischte der Mann mit der Maske, bevor er Timothy Rayden über das Geländer stieß. 

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