RAINY MONDAY
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Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil Eins

 

Silent City schien in der Nacht zu leuchten. In sämtlichen Fenstern, Läden und Tankstellen brannte noch das Licht, die Straßen schienen von Leuchtkäfern bevölkert zu sein. Der alte Geländewagen schien in den Massen von Autos kaum aufzufallen, die die Straßen auf und ab fuhren. George und Michael Rayden waren beide groß gewachsene Männer und die Söhne von Timothy Rayden, der einen Großkonzern für Autoteile besaß. Auf seinem Testament hatte jedoch nichts von einem vernünftigen Auto für seine beiden Söhne gestanden.

Timothy hatte Michael eine Villa in Frankreich vererbt, die dieser fast jeden Sommer besuchte, George hatte dagegen lediglich eine kleine Geldsumme bekommen. Timothy Rayden war aus unerklärlichen Umständen von einer Brücke gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen, die Mutter der Raydens wurde während ihres Urlaubs von der Decke hängend aufgefunden. Weder George noch Michael sprachen jemals ihre verstorbenen Eltern an- nicht einmal an den Friedhofsbesuchen, die sie einmal im Monat veranstalteten. Der Geländewagen war eine Art Markenzeichen für sie, sie holten ihn nur aus der Garage hervor wenn sie zusammen fuhren. George stieß sich ständig den Kopf beim Einsteigen, er war einen halben Kopf größer als sein Bruder. Beide waren frühzeitig ergraut, hier und dort sah man noch die letzten schwarzen Haarbüschel.

„Rechts lang, das geht schneller.“, sagte George mit einer tiefen, knurrenden Stimme und zeigte lässig mit dem Daumen auf eine nahe Abzweigung. Michael nickte stumm mit ausdruckslosem Gesicht. „Wie ist das Leben hier? Hat sich irgendetwas verändert in letzter Zeit?“, fragte George und musterte seinen Bruder.

„Nicht wirklich. Die meisten hier werden immer misstrauischer.“ Michael hielt den Blick auf die Straße gerichtet, sein Gesicht zeigte nicht die leiseste Regung. Immer mehr Menschen verschwanden spurlos und wurden am nächsten Tag tot aufgefunden. Die ganze Todesserie hatte kurz nach dem Tod von Mr. und Mrs. Rayden begonnen, seitdem schien die ganze Stadt den Bach runter zu gehen. Michael fuhr direkt in die Innenstadt, vorbei an Fastfood-Restaurants und Discos, Parks und Einkaufszentren. Sein Blick war starr auf die Straße gerichtet, das Licht der Straßenlaternen ließ die Wunde auf seiner rechten Hand aufleuchten. Eines Abends hatte man ihn in einer Seitengasse gefunden, ein paar Tage nach dem Tod von Timothy Rayden. Er wollte der Polizei nicht erzählen, was er erlebt hatte, nur, dass der Angreifer eine weiße Maske getragen hätte. Die Ermittlungen liefen mit ebenso großem Erfolg wie die zu den restlichen Opfern der Angriffe- gar keinen. George fand, dass Michael schlimmer denn je aussah, älter… und schwächer. Kurz nachdem man ihn hatte gehen lassen hatte er George angerufen und ihm seine Rachlust gebeichtet, die ihn anscheinend noch immer zu verfolgen schien.

Sie erreichten den Greenwood-Park, in dessen Nähe sich die Brücke befand, von der Timothy Rayden gestürzt war. Seit dem Tod seines Vaters hatte George sie nicht mehr gesehen oder betreten. Michael suchte sie jedoch öfters auf, wie George wusste. So langsam sollte er drüber hinweg kommen, dass er von einem Betrunkenen angegriffen wurde. George konnte sich nicht vorstellen dass jemand einen gezielten Angriff auf seinen jüngeren Bruder ausführen würde, allerdings schien eine Art Fluch auf der Familie zu liegen. Während der Beerdigung von Timothy war Georges Onkel Paul auf Michael losgegangen und hatte ihm die Nase gebrochen… eine unangenehme Erinnerung, die Michael versuchte so schnell wie möglich zu vergessen.

George wurde aus seinen Überlegungen gerissen als der Geländewagen ruckartig bremste. Er blinzelte ein paar Mal und öffnete die Autotür. Der Geruch von Meer und Regen schlug ihm entgegen als er den ersten Fuß auf den kiesbestreuten Parkplatz setzte. Die Graysonbridge ragte Unheil verkündend etwas weiter entfernt auf, der Mond schimmerte durch die Streben.

„Hier ist sie also?“ fragte er mit heiserer Stimme. Er war so lange nicht mehr hier gewesen- seine Erinnerungen an diese Brücke hatte er so oft wie möglich verdrängt. Er stellte sich vor wie von dieser Brücke ein großer, hagerer Mann stürzte, und sein Magen zog sich zusammen. „Ja, hier ist es.“, murmelte Michael, während über das Gesicht des Mannes mit der weißen Maske ein Lächeln huschte.   

Fortsetzung folgt…

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