ALLE ARTIKEL, RAINY MONDAY
Schreibe einen Kommentar

Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil 14

„John, trägst du schon wieder diese dämliche Maske?“

Der Junge mit den tiefbraunen Haaren und der leichenblassen Haaren fuhr erschrocken herum und ließ das Messer fallen. „Ben“, murmelte John Moonfire und hob das Messer wieder auf, als er erkannte, dass sein Studienfreund betrunken war. „Was machst du hier? Solltest du nicht unten bei den anderen Gästen sein?“ John warf einen letzten Blick hinter sich um sich zu vergewissern, dass das Versteck seiner Kleidung unauffällig genug war.

Er lief auf den torkelnden Ben zu und gab ihm einen leichten Schubs in Richtung Treppe nach unten zum Ballsaal, doch dieser schaffte es nicht mehr stehend nach unten und brach auf halbem Weg zusammen. Gut, soll er da liegen bleiben und seinen Rausch ausschlafen. Hoffentlich ist er betrunken genug, um nicht zu bemerken wer hinter dieser Maske steckt.

Schon oft hatte sich John gefragt, was passieren würde wenn ein Maskenträger des Mordes an verschiedenen Menschen der Stillen Stadt angeklagt werden würde, und sich Ben daraufhin an ihn und seine Maske erinnern würde… doch er hatte vor, seine Morde so sauber wie möglich zu halten und so wenig Hinweise wie möglich für irgendwelche Polizisten oder Möchtegern-Detektive zu hinterlassen, dass noch nicht einmal von einer Maske die Rede sein würde.
John ließ sich noch einmal seinen Plan durch den Kopf gehen und schätzte dann die Entfernung zwischen der Villa der Moonfires und dem nächstbesten Haus ab. Er hatte oft trainiert, immer nachts, immer mit Outfit und Maske, bis zu diesem Tag, an dem er seinen ersten Mord begehen würde… Das Adrenalin raste durch seinen Körper, seine Beine zitterten.

Er nahm Anlauf und sprang.

Es fühlte sich an wie damals, als er mit seinem Bruder Henry zusammen von Ufer zu Ufer verschiedener Flüsse gesprungen war. Er kam sich frei vor, mit dieser Ausrüstung würde ihn niemand erkennen… in dieser Nacht gehörte die Stadt ihm, die flimmernden Lichter um ihn herum, die Kutschen, die Pferde, die paar Stadtwächter, die sich um diese Uhrzeit noch nüchtern auf den Beinen hielten. Doch er hatte etwas zu erledigen, etwas, das er schon lange hätte tun sollen.

Ich habe zu lange gewartet, ging es ihm durch den Kopf wie schon seit Tagen. Sein Bruder hätte die Maske nie sehen sollen- Henry schien ebensoviel von ihr gewusst zu haben wie John, und auch er schien bereits sein erstes Attentat geplant zu haben. John schleuderte den Wurfhaken auf das nächste Dach zu und versuchte, seinen Bruder bei den nahen Häusern zu erkennen. „Wo steckst du, verdammt noch mal“ murmelte er, dann schleuderte er erneut den Wurfhaken und landete auf dem Dach der Stillen Kirche.

Der Mond ließ seine Maske aufleuchten, während er die Welt unter sich betrachtete. Dann plötzlich traf es ihn mit voller Wucht- für einen Moment konnte er nicht atmen… er verlor den Halt, stürzte. Er hatte noch nicht einmal genug Atem, um zu schreien, doch schließlich gewann er die Kontrolle über seinen Körper zurück. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er auf die Straßen der Stillen Stadt zustürzte. Der Wurfhaken landete treffsicher an einem Gargoyle nahe der Stillen Kirche, doch das atmen bereitete ihm Schmerzen. Er hangelte sich das Dach empor. Dann erst bemerkte der das Messer mit dem silbernen Griff, das ihn in die linke Brust getroffen hatte.

Mist, er war schneller… dachte er. Ein Pfeil schlug dicht neben ihm ein, er spürte den Luftzug- doch sein Training hatte seine Reaktionszeit verkürzt, sodass er ihm mühelos ausweichen konnte. Sein Bruder hingegen schien aus dem Nichts zu kommen. Henrys Faust traf John am Schädel und schleuderte ihn gegen die Dachziegel. Sein Bruder trug eine tiefrote Maske, und John ärgerte sich, dass er seinen Bruder mit einer solchen Maske nicht schon eher entdeckt hatte.

John duckte sich unter dem nächsten Angriff seines Bruders hinweg und warf sich dann gegen ihn. Mit einem „Uff!“ verlor Henry den Halt, und zusammen stürzten sie das Dach hinunter. John schaffte es, sein Messer zu packen, dann stieß er zu. Mit seiner anderen Hand packte er ein Balkongeländer und hielt sich mit aller Kraft daran fest. Als er nach unten blickte, war sein Bruder verschwunden.

„Hier oben, Miststück.“

Diesmal traf ihn das Messer am Kopf, und im Fall sah er die Maske seines Bruders, die im Mondschein so rot leuchtete wie sein eigenes Blut.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.