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EXTRAVAGANT RASIERT – DANK HARRODS IN LONDON

Es war der zweite Neujahrstag und mein zweites Mal in London. Ich nahm die Jubileeline vom Wembleypark südwärts bis Greenpark und wechselte in die blaue Picadillyline bis zur Knightsbridge Station. Das Wetter war klar und sonnig. Als ich die letzten Schritte der Underground-Stufen nach oben stieg, berührte die Sonne mein Gesicht; ich stand vor Harrods. Harrods ist eines der exklusivsten und – by the way – teuersten Shoppingcenter der Welt. Vor Jahren hatte ich gehört, dass mal ein Mann einen Elefanten bestellt und ihn bekommen habe. Ich wollte keinen Elefanten. Ich wollte einen Rasierer.

Zwei Portiers mit grünen Uniformen und Grizzlybärmützen öffneten mir die Tür, zwei weitere Portiers in blauen Uniformen standen im Eingangsbereich. Ich begrüßte alle vier mit einem „Happy new year“, betrat den roten Teppich und lief auf die Empfangsdame zu. Ich fragte sie, wo Rasierer zu finden seien. Sie zeigte mir den Weg auf einer Karte und sagte – so verstand ich sie jedenfalls –, dass die Rasierer im ersten Stock seien. Ihr Finger zeigte nach oben. Ich nahm die Rolltreppe in den ersten Stock. Leider war die Beschreibung der Empfangsdame unklar, weshalb ich mich bei zwei Verkäufern nach der Richtung erkundigte. Sie sagten mir, dass Rasierer im Untergeschoss verkauft würden.

Ich bewegte mich in Richtung Untergeschoss, nahm diesmal die Treppen und nicht die Rolltreppen. Im Erdgeschoss sah ich alle möglichen Männerartikel: Anzüge, Cardigans, Pullover, rote, grüne und blaue Socken. Ich testete ein neues Eau de Toilette von Jean Paul Gaultier in einer roten Flasche. Die Dame, die das Parfum auftrug, bestätigte mir, dass Rasierer im Untergeschoss zu finden seien. Der Weg war mein Ziel.

Auch im Untergeschoss geriet ich nach kurzer Zeit ins Straucheln. Meine Suche glich einer Odysee. Schon nach fünfzehn Minuten hatte ich das Gefühl, mich in einem Labyrinth zu befinden; es gab Handtaschen für Frauen, eine Schreibwarenhalle und jeglichen anderen Kleinkram – nur keine Rasierer. Sprach ich Chinesisch? Ich beschloss, einen der Portiers im Eingangsbereich um Rat zu bitten.

Wenige Minuten später wünschte ich einem der blauuniformierten Portiers ein frohes neues Jahr und fragte, wo ich Rasierer finden könne. „Rasierer finden Sie im Untergeschoss, Sir“, antwortete der Portier, „fahren sie die Rolltreppe nach unten und halten Sie sich dann links.“ Ich war unsicher, ob ich seiner Aussage trauen sollte. Der Portier machte einen Schritt nach vorn, betrat die Rolltreppe und winkte: „Folgen Sie mir, Sir, ich zeige Ihnen den Weg.“ Ich hatte ein schlechtes Gewissen, den Service in Anspruch zu nehmen. „Es ist schon recht, Sir“, sagte der Portier.

Die Drogerieabteilung war tatsächlich nicht weit entfernt. Von der Rolltreppe aus liefen wir wenige Schritte, bogen zweimal links ab und standen vor einem Regal, in dem unter anderem Rasierer zu finden waren. Gleich hinter der Seife und dem Shampoo. „Nicht einfach zu finden“, grummelte ich vor mir her, „und auch nicht die Art von Rasierer, die ich mir vorgestellt hatte.“ „Suchen Sie einen speziellen, einen extravaganten Rasierer, Sir?“, fragte der Portier just in dem Moment. Ich hatte ein unbehagliches Gefühl, das war zuviel Service auf einmal. „Ja, Sir, einen extravaganten, wenn möglich“, antwortete ich dennoch. Der Portier machte einen Schritt zurück, winkte mir und sagte, dass ich ihm folgen solle. „Extravagante Rasierer sind in einem anderen Teil“, sagte der Portier. Ich war positiv überrascht von dem Service. Welch ein Glück!

Wir benutzten die Rolltreppe nach oben, nahmen den Ausgang auf die Straße, liefen den Gehweg entlang und unterhielten uns flüchtig. Wir sprachen über das Wetter und ich erzählte, dass ich das zweite Mal im United Kingdom sei. Soweit ich mich erinnere, nahmen wir die zweite Tür, betraten den Laden und fuhren ein Stockwerk tiefer. Der Bereich nannte sich Men´s Tailoring (wörtlich übersetzt Männer-Schneiderei), wie auf der Übersichtskarte zu lesen war.

„Die hier sind extravaganter“, sagte der Portier und zeigte auf ein Glasregal mit Rasierern. Ich dankte ihm vielmals und er begab sich auf seinen Rückweg. Hier waren alle Arten von Rasierern zu sehen, mit Chrom-, Holz- oder Stahlgriff, Sets mit Schaum und Pinsel oder einer Schüssel, zum Anrühren des Schaums. Ich war überwältigt von der Vielfalt. Und zu meiner Überraschung entdeckte ich einen Rasierer mit einem kleinen Elefanten darauf. Was für ein Zufall, dachte ich.

Die Geschichte ist auch auf englisch verfügbar.

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