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Die andere Seite des Todes (3)

Kurz nachdem Elias Ryan bei seiner Wohnung abgesetzt hatte, verschwand er auch schon wieder. Ryan wusste, dass Elias die Nachtschicht bei einer Tankstelle übernommen hatte, und so nahm er es ihm nicht übel. Trotzdem sah er dem Wagen noch lange nach, und auf einmal kam es ihm viel zu ruhig vor.
Er riss seinen Blick von der Straße los und wandte sich stattdessen der Tür zu. Es war eine weiß-braun gefärbte Holztür mit einem ovalen Fenster, durch das er bereits in einen breiten Flur schauen konnte. Mit einem Klacken öffnete sich die Tür, und er biss sich auf die Unterlippe. Das wird mein neues Zuhause, dachte er. Die Tür fiel ins Schloss, und er ging langsam auf die nächst beste Tür zu. Küche. Schlafzimmer. Wohnzimmer. Ein hübsches Himmelbett im Schlafzimmer, daneben ein Nachttisch mit Lampe; ein Flachbildfernseher, eine große Couch, eine Sitzecke im Wohnzimmer; und ein Paradies für jeden Koch in der Küche. Trotzdem kam ihm das alles seltsam farblos vor, und er begann damit, als erstes seine CD’s auszupacken. Ein bisschen Musik konnte nicht schaden, sie würde zumindest die Stille aus seiner Wohnung vertreiben.
Plötzlich fiel ihm ein, dass er sich noch gar nicht über irgendwelche Nachbarn informiert hatte- Nachbarn, von denen hat Sarah auch immer erzählt, dachte er, und auf einmal erschien das Bild seiner toten Schwester in seinem Kopf, er hörte immer wieder, wie das Auto sich überschlug, die Schreie…
Er schloss die Augen und rieb sich die Schläfen. Dann erst merkte er, dass jemand vor ihm stand. Er schlug die Augen auf und wirbelte herum, suchte jede Ecke des Raumes ab. Die CD lag in seiner Hand, und plötzlich begann sein Herz zu rasen. In seinem Nacken spürte er den warmen Atem einer Person, und er glaubte eine Bewegung wahrzunehmen. Erneut wirbelte er herum, dann verharrte er regungslos und spitzte die Ohren. Wurde er jetzt verrückt? Da war nichts, er brauchte wirklich dringend Schlaf.
Er gähnte und legte die CD ein. Während er das Bett bezog, begannen ACDC „I love Rock’n’roll“ zu singen, und seine Angespanntheit löste sich. Was war nur los mit ihm? Er hatte noch nie solche Wahrnehmungsstörungen gehabt. Fast schon kam es ihm vor, als ob diese Insel genau das Gegenteil von dem bewirkte, was er eigentlich erwartet hatte. Unsinn, ermahnte er sich. Dass du irgendwelche imaginären Personen siehst, ist nicht die Schuld dieser Insel. Du hättest dir im Flugzeug wirklich die Ruhe antun sollen. Er seufzte und dachte an seinen Hund Karl. Hätte er ihn nur mitnehmen können, dann hätte er wenigstens immer genügend Gesellschaft gehabt. Jetzt fühlte er sich einsam, erschöpft und verwirrt. Doch Karl würde es bei seiner Cousine gut haben, dessen war er sich sicher. Wahrscheinlich hatte sie ihm schon hundert Fotos von ihm geschickt, so wie er sie kannte.
Als er fertig war, ließ er sich aufs Bett fallen und starrte nach oben an die sonnengelbe Decke. Sein Magen knurrte, doch er beachtete es nicht. Er würde sich jetzt für die nächsten paar Stunden hinlegen, und dann würde er weitersehen…
Dingdong, dingdong…
Mit einem Mal war er wieder hellwach, und abrupt sprang er auf. Er schaute auf die Uhr: Es war halb neun, wer würde um diese Uhrzeit noch etwas von ihm wollen?
„Guten Tag, sie müssen der Neue… ich meine, sie müssen Herr Melborn sein. Ich habe eine Einladung für sie.“
Überrascht musterte Ryan den kleingewachsenen Mann vor sich. Er war fast zwei Köpfe kleiner als Ryan, und zwischen seinen grauen, fast weißen Haaren konnte Ryan noch einige braune Strähnen erkennen. Die runde Brille auf seiner kleinen Nase saß ziemlich schief und verlieh ihm ein etwas chaotisches Aussehen. In seinen Händen hielt er einen gelben Umschlag. „Entschuldigen Sie… aber wer sind sie?“ fragte Ryan.
„Oh, natürlich, tut mir leid. Ich bin Lukas Tarp, ein Mitglied des Stadtrates von Nebelstein.“ Er reichte ihm den Umschlag, und zögernd nahm Ryan an. „Falls… falls sie gerne eine Stadtführung machen wollen, so kann ich ihnen die meiner Tochter Marie nur wärmstens empfehlen. Einen schönen Abend noch.“ Hastig verschwand er in der Dunkelheit, und Ryan schloss die Tür, den Umschlag in der Hand.
„Tu es nicht.“
Ehe sich Ryan versah, war die Gestalt neben ihm auch schon verschwunden, doch bei ihrer Stimme hatte auf seiner Haut eine Gänsehaut hinterlassen. Schnell wandte er sich um und lief in jedes einzelne Zimmer. Nichts. Noch nicht einmal Spuren. „Oh, verdammt.“ Fluchte er. Er wühlte in seiner Hosentasche nach dem Zettel und wählte dann die Nummer, die darauf notiert war. Er brauchte unbedingt jemanden, der ihn ablenkte, bevor er noch komplett durchdrehte.

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