ALLE ARTIKEL, KUNST DER WORTE
Schreibe einen Kommentar

BUCHBESPRECHUNG: MARCELO IN THE REAL WORLD

Marcelo ist nicht wie die anderen, denn er lebt in seiner eigenen Welt. Er weiß so gut wie alles über Religion – sein sogenanntes „Spezialinteresse“- , „besinnt“ sich täglich auf eine innere Musik und neigt dazu, von sich in der dritten Person zu reden. Doch so weltfremd es zunächst klingen mag: Er weiß ebenso Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen! Dies zeigt sich besonders im Umgang mit anderen Schülern auf seiner Schule „Paterson“, wo er sich für das Wohlergehen der Kinder und Pferde engagiert, die dort therapeutisches Reiten in Anspruch nehmen.

17 Jahre lang läuft Marcelos Leben in geregelten Bahnen, bis sein Vater Aturo kurzer Hand beschließt, dass es Zeit für ihn sei, die Spielregeln „richtigen Welt“ kennenzulernen. Ein Ferienjob in der Anwaltskanzlei des Vaters soll ihn dafür schulen, sein Abschlussjahr auf einer „normalen“ Highschool meistern zu können. Als Belohnung für eine erfolgreiche Eingliederung in die Arbeitswelt wird ihm die finale Entscheidung über den weiteren Verlauf seiner Schullaufbahn in Aussicht gestellt. Widerwillig lässt sich Marcelo auf das Angebot ein, um den Familienfrieden nicht zu gefährden. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es „schließlich nur für ein paar Wochen“ sei, verlässt Marcello seine gewohnte Umgebung und lässt sich auf das Experiment „Real World“ ein.

Die Eingewöhnung verläuft zunächst schleppend, denn an jeder Ecke seines neuen Arbeitsplatzes warten neue, ungewohnte Herausforderungen auf Marcelo. Einzig und allein die Arbeit an der Poststelle bereitet ihm zunehmend Freude, da er in der quirligen Yasmin jemanden findet, mit dem er „einfach nur schweigen“ kann. Marcelo ist jedoch nicht der einzige, der ein Interesse an Yasmin entwickelt, was zusehends schwierigere Entscheidungen von ihm erfordert. Ein weiterer innerer Konflikt bahnt sich an, als Marcelo zufällig das Bild eines schwer verwundeten Mädchens entdeckt und so dem Vertuschungsversuch eines großen Wirtschaftsunternehmens auf die Schliche kommt. Als Yasmin ihn dann auch noch fragt, ob er mit ihr einen Ausflug in die Wildnis machen möchte, muss er sich entscheiden, ob er bereit ist, alte Muster hinter sich zu lassen, um zu neuen Ufern aufzubrechen.

Diese Verwandlung geschieht in „Marcelo in the real World“ schleichend. Indem er handelt, wächst der Protagonist über sich selbst hinaus. Zwar ist Marcelo ein nachdenklicher jungen Mann mit der Gabe zur Reflexion, jedoch weiß er meist erst nach dem Geschehen zu beurteilen, welche Auswirkung ein bestimmtes Erlebnis auf ihn hatte und in Zukunft haben wird. Und genau daran wächst er Stück für Stück und wandelt sich von einem in sich gekehrten Jungen, der seinen Tag auf die Minute genau durchplant, zu einem aufgeschlossenen jungen Mann, der Spontaneität und Abwechslung zulässt.

Die Probleme, denen er sich im Laufe des Romans stellen muss, würden einen Menschen ohne Autismus ebenfalls in Bedrängnis bringen. Deshalb berührt die Geschichte den Leser trotz oder gerade wegen Marcelos besonderer Art, die Welt zu sehen. Indem er den jungen Marcelo in den Mittelpunkt dieser außergewöhnlichen Geschichte stellt, widmet sich der Autor Francisco X. Stork auf feinfühlige, aber dennoch unbeschwerte Art dem Thema Autismus.

Empfehlenswert für Jugendliche ab 14 Jahren.

Francisco X. Stork:
Marcelo In The Real World
Aus dem Amerikanischen von Britta Waldhof
Frankfurt a. M. 2011 (Fischer FJB)
368 Seiten
17,95 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.