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„Und plötzlich war ich Ausländer“

„Stilecht wird türkischer Tee und Gebäck gereicht“, hieß es für den 9.9.12 im Programm des „Merhaba Heimat!“ Festivals. Die Aussicht auf guten Tee war einen Besuch wert, selbst an einem wundervollen Sonntagnachmittag bei 29 Grad. Aber die Gefahr mich zu verbrennen ist recht groß, denn das Thema „Heimat“ ist heiß.

 

 

Die Autorinnen und Autoren Julia Schoch, Zafer Senocak,  Feridun Zaimoglu und die Literaturkritikerin Ina Hartwig diskutierten rund um das Thema Heimat.

Zaimoglu sah sich als ein „spät dazu gekommener Deutscher“. Für ihn sei Deutsch die Muttersprache, während sein Türkisch belustigend auf seine Eltern wirke. Julia Schoch ursprünglich aus Mecklenburg Vorpommern, also der ehemaligen DDR, sehe ihre Heimat überall nur nicht dort. Sie sprach vom Wandel der Landschaft, und damit meinte sie nicht nur Plattenbauten. Für Zafer Senocak gebe es keine Heimat, sondern nur Prägungen. Heimat sei ein Konstrukt welches man keinem Menschen aufzwingen könne.

Die vorerst sehr persönlich, fast schon biographische Runde bot einen wunderbaren Einblick in die Denkwelten der Autoren. Sie formulierten in diesen Zusammenhang einen für sie geltenden und ehrlichen Heimatbegriff, welcher für das Publikum sehr gut nachvollziehbar war.

Leider verschob sich der Schwerpunkt der Debatte auf statische Themen wie die „Doppelte Staatsbürgerschaft“. Erst mit der Öffnung der Diskussion brachte eine junge Frau aus dem Publikum uns zurück auf die Gleise: „Was bin ich eigentlich? Fisch oder Fleisch?“

Denn klar ist, dass Heimatgefühle nicht mit einem Stück Papier begründet werden können. Nach Hermann Bausinger, Professor für Volkskunde und Germanistik in Tübingen, ist Heimat ein »Ort des tiefsten Vertrauens« und eine »Welt des intakten Bewußtseins«. Dabei bezieht sich „Ort“ nicht direkt auf eine Örtlichkeit, sondern beinhaltet ebenso soziale und kulturelle Dimensionen.

Im Klartext: Kann man sich in seiner Geburtsstadt heimisch fühlen, wenn Familie und Freunde dort nicht mehr leben? Und inwiefern kann ich mich mit diesen Werten identifizieren?

Heimat ist somit losgelöst von der Idee der nationalen Identität und wird zu einem subjektiven, einem persönlichen Ort, der nicht Ortsgebunden sein muss. Heutzutage kann man sich auch die Frage stellen, ob durch Telefon und Internet überhaupt noch ein physischer Ort notwendig sein muss um sich heimisch zu fühlen. Mit den Freunden kann man chatten, mit den Eltern skypen, kann ich also nicht theoretisch überall auf der Welt heimisch sein? Das Problem des Weltbürgertums liegt in der Tatsache, dass man sich gerne einen Rückzugspunkt schafft. Einen physischen Ort an dem man sich auskennt, an dem man weiß wo der nächste Drogeriemarkt ist und an dem man weiß wo man den besten Döner kriegt. Aber in der heutigen Zeit sind die Veränderungen so schnell, zum Teufel, als ich zum letzten Mal in Dortmund war, da gab es keine Thier Galerie, da war das U noch eine Ruine und da war noch keine 200 Millionen tiefe Pfütze in Hörde. Da kommt die Frage auf: Ist das noch der Ort an dem ich mich auskenne?

Senocak erzählte uns von seinen frühen Tätigkeiten als Schriftsteller, dabei machte er deutlich, dass zu dieser Zeit Nationalität keine Rolle gespielt hat. Erst als es modisch wurde Arbeiterliteratur und Literatur von Migranten zu fördern, wurde er explizit auf seinen Migrationshintergrund angesprochen. „Und plötzlich war ich Ausländer.“

Hier spricht Senocak für uns Kinder von Migranten einen sehr wichtigen Punkt an. So bestätigt mir Sinem, Schülerin der 13. Klasse am Giesbert von Romberg Berufskollegs nach der Podiumsdiskussion, dass sie zwar türkische Eltern hat, sie sich aber als Dortmunderin fühle. Dass sie ebenfalls häufig über die Fragen stolpert: „Woher kommst du? Was bist du für ein Landsmann?“ Diese Fragen mögen zwar „arglos und naiv“ sein, wie es Ina Hartwig sagte, allerdings grenzen sie damit gleich Kinder von Migranten aus. Wieso darf man nicht einfach Deutscher, Dortmunder sein? Ist es wirklich nötig zu wissen woher die Eltern kommen? Wieso fragen wir dann nicht gleich nach ihren Beruf, nach ihrem Gehalt, Ihren Hobbies usw.? Hey warum stellen wir ihnen nicht gleich unsere Eltern vor?

Es sollte nicht mehr um den Migrationshintergrund oder die Nationalität gehen. „Schluss mit dem ethnischen Geschwätz“, so Senocak. Man kann sich doch als Deutscher und Türke fühlen oder ist es verboten? Integration bedeutet nicht Assimiliation auch wenn das meist von der Politik gefordert wird. Man muss nicht seine Werte, sein Glauben oder sein Gehirn ablegen, um als integriert oder Deutsch zu gelten. Denn was zur Hölle bedeutet Deutsch sein?

Mehr Merhaba?

 

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