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LITERARISCHES FECHTEN

Es war bitterkalt, der Abend war angebrochen, ungefähr halb sechs. Ich war auf dem Rückweg von einer Shoppingtour in London und trug einige Einkaufstüten. Bei Harrods hatte ich Geschenke für meine Familie gekauft, außerdem hatte ich das Naturkundemuseum besucht, und nun trug ich eine Fechtmaske und einen Handschuh. Ich wollte zum London Fencing Club.

Einige Stunden zuvor hatte mir bei Harrods ein Ober mit weißen Samthandschuhen ein Schwarzwälderkirschtortencookie serviert. Danach hatte ich noch zwei Burger gegessen. Trotzdem war ich jetzt wieder hungrig. Ich fror, und es war noch über eine Stunde bis Trainingsbeginn. Ich nahm eines meiner Bücher und lehnte mich an die Wand der Fechtschule. Der Autor des Buchs focht ebenfalls, wie ich las. Viele Literaten fochten. Dieser besonders viel. Sein Name sei in diesem Text nicht erwähnt.

Die Kälte quälte meine Hände, die das Buch hielten. Im schwachen Licht fiel mir das Lesen schwer. Menschen gingen vorbei, Hunde bellten, ich las. Die Kälte quälte, mein Geist begann zu fechten. In meiner Fantasie setzte ich die Maske auf  meinen Kopf, nahm einen Stift in die Hand und reimte. Mein Körper gefroren, mein Geist auserkoren. Der Stift ist mächtiger als das Schwert, dachte ich, und kämpfte gegen Kälte und Dunkelheit. Und die Zeit?

Es war „vierundzwanzig vor sechs“, wie ein Junge auf der Straße mir verriet. Menschen gingen vorbei, von links nach rechts und rechts nach links – in der Zwischenzeit viel Schnee. Meine Hände waren gefroren, welch Schicksal hatte mich auserkoren? Mein Geist bereits am Fechten, die Waffe in der Rechten, so war ich am Hechten von links nach rechts. Versunken in das Buch, spürte ich kaum, wie meine Hände zu Eis wurden. Als die Uhr sieben schlug, war die Fechtschule geschlossen. Ende des Gefechts.

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