ALLE ARTIKEL, PERSPEKTIVEN
Schreibe einen Kommentar

Liebe Grüße vom Leben: Von Studenten und der Unmöglichkeit einer Bücherwand

Es ist Donnerstag Nachmittag und vergeblich versuche ich mich auf das zu konzentrieren, was uns mein Kommilitone versucht über seine anstehende Projektarbeit zu erzählen. Stattdessen scroll ich durch Facebook und Instagram und sehe mit neidvollen Blicken auf die Urlaubsbilder meiner Freunde aus Ibiza, Ägypten oder vom Timmendorferstrand. „Pah!“, denke ich mir. „Nächste Woche bin ich dran.“, und stolpere über den riesen Karton der fast ein Viertel meines Zimmers ausmacht und noch bis gestern die Heimat meines neuen, knallgrünen Koffers von Ebay war. Reisekoffer mit 4 Rollen – Check!

Es ist Sommer, es geht in den Urlaub! Nicht nur, dass es langsam schwer wird mit dem immer noch in weiter Ferne liegenden Ziel des Beach-Bodys, sondern auch das altbekannte Spiel „Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“ geht erneut von Vorne los. Klamotten natürlich, kurze Hosen here we go! Ich höre quasi schon das Rauschen des Meeres in meinen Ohren, und sehe mich jetzt schon mit meinem Buch am Strand liegend meine Freizeit genießen, was selbst bei den Studenten, die, wie mir vor kurzer Zeit ein Polizist beim Vorwurf von Ruhestörung nach 22:00 Uhr erklärte, wahrscheinlich eh Nichts zu tun haben, ein nahezu prunkvoller Reichtum ist. Eine Lebensqualität die nicht nur Freunde treffe, Sport machen, Ausgehen bedeutet, sondern auch einfach mal Nichts-tun bedeuten kann. Sich mal wieder so richtig langweilen und durch How-to-do-the-perfect-festival-hair-style Videos klicken. Ich gebe zu, dass wir Studenten wahrscheinlich schon mehr Kaffeepausen machen (können), als das hart arbeitende Volk, umso öfters haben wir dementsprechend aber nicht ab 18:00 Uhr Feierabend. Jetzt erst werden Texte downgeloaded und Bücher gewälzt. Man könnte das selbstgemachte Leiden nennen, aber wer hat schon Lust sich am strahlenden Tag 50 Seiten philosophische Auslegung der Johannes Offenbarung, 20 Seiten über den Unterschied zwischen Papier und PC und mehrere Artikel über Los Angeles Freeways zu lesen? Und so werden wissenschaftlich höchst interessante Artikel zur Abendlektüre.

Nicht nur, dass dadurch schon wieder nichts daraus wird endlich das Staffelfinale von Grey’s Anatomy zu sehen, sondern auch die Motivation „normale“ Bücher zu lesen bleibt dabei auf der Strecke. Und weil ich dennoch nicht müde werde Mangelexemplarbücher zu kaufen, stapeln sich nach und nach die ungelesenen Bücher in meinem Regal, wobei einige von ihnen schon die verschiedensten Länder, Städte und Zimmer gesehen haben, die ich, sei es auch nur vorübergehend, mein Zuhause genannt habe. Natürlich wäre deutlich einfacher sich einfach ein Kindle anzuschaffen, wodurch es nicht nur einfacher wäre Bücher von A nach B zu transportieren, sondern es würde auch nicht mehr auffallen, dass ich seit einem Semester Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ lese. Aber ich möchte irgendwann eine ganze Bücherwand die meine nennen können und in meinen in weiter Ferne liegenden Tagen der Freizeit und des Altseins stundenlang in einem Schaukelstuhl glücklich, zufrieden und belesen davor sitzen.

Es scheint fast als Ding der Unmöglichkeit, und dabei ist Lesen doch nicht nur ein unterhaltsamer Zeitvertreib, sondern auch ein unglaublich wichtige kulturelle Praxis der Wissens- und Erfahrungsvermittlung, oder nicht? Setzt man „belesen“ oftmals nicht auch mit „weise“ gleich? Möchte nicht jeder einmal alt, grau, aber weise und in gewisser Weise „besser“ sein?

Und während ich mich noch mit „Sherlock Holmes“ am Strand liegen sehe, weiß ich jetzt schon, dass mein Weg heute erst ins Café und dann zum Drucken in die Unibibliothek und an den Schreibtisch gehen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.