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Liebe Grüße vom Leben: Vom Individualreisetourismus

Reisen ist das neue Hobby im 21. Jahrhundert. Wer etwas auf sich hält setzt sich in nächste Flugzeug – on Way – Ryanair macht‘s möglich. Mittlerweile kann sich jeder auf den Weg in die Ferne machen, egal wie viel Geld auf dem Konto ist und wie viele Kreditkarten die Geldbörse füllt. Billigflüge nach London Stansted für 9,99 € ab Düsseldorf und Megabus-Angebote für 1,50 € quer durch die Länder, haben aus dem einstigen Luxus des Familien-Urlaubs ein Wochenendtrip in die Metropolen der Welt gemacht. Anstatt jedes Wochenende sein Geld in den heimischen Dorfdiskos oder den Clubs der nächsten Stadt auszugeben, gehen die Moneten an die Touristenattraktionen, Museen und Restaurants in der ganzen Welt, die dabei ganz schön klein wird. Bestand die Facebook-Freundesliste früher fast ausschließlich aus den Mitschülern ist bei vielen ist heute der Newsfeed ein Sprachenmischmasch. Und Immer wieder hört man diese Stories wie jemand jemanden kennengelernt hat, mit dem man witziger Weise 3 gemeinsame Facebookfreunde hat. Mich nicht ausgenommen! Habe ich doch erst vor wenigen Wochen einen Australier, Tom aus Adelaide, in einem Hostel in Granada kennengelernt in dem ich zu der Zeit Volontär war. Nach einiger Zeit, gefüllt mit den Standardfragen wie „Woher kommst du?“, „Seit wann reist du schon?“, „Ist das dein erstes Mal in Europa?“ und „Wo hat es dir bis jetzt am besten gefallen?“, stellte sich heraus das wir zur selben Zeit in Maastricht unser Auslandssemester gemacht haben, auf den gleichen Partys waren und, wie könnte es auch anders sein, 2 (!!!) gemeinsame Facebookfreunde haben! IST DAS NICHT VERRÜCKT?! Ich muss ehrlich zugeben, dass ich das schon ziemlich cool fand, und ja auch ein wenig einmalig! Ich meine sowas passiert nun mal nicht jeden Tag! Und das tut es nämlich doch! Die Welt ist durch Facebook, Google+ und LinkedIn kleiner geworden, zunehmend transparenter und vernetzter geworden. Das Phänomen des Globalen Dorfes ist real und mehr und mehr spürbar.

Tom, der Australier war gerade am Ende seines Eurotrips, natürlich nicht mehr wie früher ausschließlich über Land! Er ist kreuz und quer geflogen, hat immer die günstigsten Flüge genommen. Von Budapest nach Krakau, irgendwo in Finnland, Berlin natürlich, zurück nach Budapest, nach Lissabon und dann einmal die Küste Spaniens entlang, und von Madrid ging’s nach Bali – der günstigste Flug nach Süd-Ost-Asien – weiter geht die Individualurlaubreise. Für Viele ist es DAS Erlebnis des Lebens, das einzige Mal rauskommen, was anderes sehen und erleben, bevor es richtig los geht mit dem realen Leben. Man könnte sagen: Einmal die Realität verlassen, zumindest die eigene. Aber ist Individualurlaub immer noch individuell, wenn man in den vielen Hostels der Welt Menschen kennenlernt, die genau dieselbe Route aus anderer Richtung startend nehmen, die man selbst nimmt? Hat die Tourismusbranche hier nicht schon längst einen neuen Mark entdeckt auf den sie nun mit Free-Walking-Tours, Sangria-Nights für 3 Euro und Pubcrawl durch die beliebtesten Bars der Stadt antwortet? Surfschulen sprießen an der Atlantikküste wie Pilze aus dem Boden, und Backpacker-Shops erfreuen sich immer größerem Absatz. Individualurlaub als Massenkultur? Werden Adventure-Kurztrips beliebter als All Inclusive-Urlaube an den Stränden der Türkei? Heute werden Pauschalurlauber ebenso belächelt wie damals Wohnmobilbesitzer – heute ist die Tour mit dem rollenden Eigenheim mit Halt auf Europas Campingplätzen schon fast wieder so trashig, dass es wieder trendig ist.

Aber ist der Individualurlaubstourismus denn nun wirklich etwas Schlimmes? Freuen wir uns nicht alle wenn wir Orte besuchen können an denen wir noch nicht waren? Und ist es nicht auch irgendwie schön an jedem noch so kleinen Ort Menschen kennenzulernen, denen es genauso geht (hauptsächlich natürlich Deutsche, Australier und Holländer)?

Reisen bedeutet seinen Horizont zu erweitern, Dinge zu sehen und Sachen kennenzulernen, die es so nicht im behüteten zu Hause gibt. Es gibt einem Selbstvertrauen und kann auch mal die Augen öffnen. Das heißt natürlich nicht, dass jeder Weltenbummler wahnsinnig offen ist und weiß wer er ist und wohin er will, denn gerade das Reisen kann Türen und Augen öffnen und aus dem zielstrebigsten Menschen einen planlos umherirrenden und von den Möglichkeiten überforderten Gesellen machen. Aber Reisen ist immer noch besser als daheim auf dem Sofa zu sitzen und sich zum X-ten Mal dieselbe Playlist zu hören. Man darf nur nicht erwarten man wäre der einzige Mensch da draußen der sich einen Scooter leiht und Vietnam auf eigene Faust erkundet, und man darf ganz sicher nicht mit einer Selbstverständlichkeit und Arroganz durch die Weltgeschichte die auf der eigenen, doch nicht so einmaligen, Reise-Tollkühnheit basieren.

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