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Kurzgeschichte “Regen”

Als ich die Augen aufschlug, war meine Welt zerstört. Das erste, was ich spürte, war der stechende Schmerz der blutenden Wunde an meiner linken Seite, das erste, was ich sah war das zerstörte Flugzeug. Ich hatte schon oft von solchen Abstürzen über solchen Inseln gehört. Die Überlebenden waren jedoch meistens recht schnell gerettet worden, doch die Panik übermannte mich, als ich meine Situation richtig wahrnahm. Zuerst durchsuchte ich das Flugzeug- eine Leiche, ein paar Koffer, sonst nichts. Ohne die verstreut liegenden Gegenstände auch nur genauer zu untersuchen lief ich zu dem Strand in der Nähe, schrie um Hilfe, winkte wie ein Verrückter und… ja, ich weinte sogar. Ich hätte niemals gedacht, dass mir so etwas passieren konnte. Ich brach am Strand zusammen und vergrub mein Gesicht in den Händen, doch es half alles nichts. Auch mein Smartphone schaltete ich an, aber ich hatte keinen Empfang. Schließlich kehrte ich zum Flugzeug zurück. Vielleicht ist dort doch jemand. Vielleicht hat er den Absturz beobachtet und fragt sich, ob er helfen kann. Ich hatte Recht- jemand hatte den Absturz beobachtet, allerdings war er schon wieder weg, ehe ich zurückgekommen war.

Dieser jemand hatte auch die Leiche mitgenommen, die vorher noch in dem Flugzeug gelegen hatte, wie ich erkannte. „Hallo? Ist da jemand?“ rief ich unsicher. Dumme Idee, dachte ich kurz danach, und schließlich machte ich mich daran, die Koffer aufzubrechen und zu durchsuchen.

Als erstes Werkzeug kam mir hierbei eine Axt zugute, die ich im Flugzeug fand- eine von denen, die man nur im Notfall benutzen sollte- wie passend, nicht? Mein Rucksack hatte den Absturz genau wie ich gut überstanden, und so konnte ich darin ungefähr sechs Dosen, von denen die meisten Energydrinks beinhalteten, verstauen, außerdem Kleidung, falls ich mir eine Wunde zuziehen sollte und das Blut stillen musste, wie ich es schon so oft in Film und Fernsehen gesehen hatte, und Medizin. Mit jeder neuen Hilfe aus den Koffern stieg meine Hoffnung, zu überleben, weiter an. So verging die Zeit bis zum Sonnenuntergang, und auf einmal verebbte meine plötzliche Hoffnung aufs Überleben.

Mein Vater hatte mir früher oft beigebracht, wie man in der Wildnis ein Lagerfeuer machte. Wir hatten es oft bei Campingausflügen geübt, schon als ich sechs Jahre alt war. Jetzt, dreißig Jahre später, kam es mir wie ein Kinderspiel vor, von den hoch aufragenden Nadelbäumen in der Nähe Äste und Blätter zu sammeln, ein paar Steine vom Boden aufzuheben und zu einem Lagerfeuer zusammenzustellen, dass ich schließlich entzündete, indem ich zwei Feuersteine gegeneinander schlug.

Ich hatte es aus Angst vor wilden Tieren in der Nähe des Flugzeugs aufgestellt. Auf der einen Seite ragte eine Felswand hoch empor- vielleicht ein Gebirge oder ein Vulkan?- und auf  der anderen lag das Flugzeug wie ein gestrandeter Wal. Ich aß ein paar Chips, die ich ebenfalls im Flugzeug gefunden hatte, und ein Buch aus meinem Rucksack, welches ich aber nicht las. Nicht unachtsam werden, Alan Tyler, sagte ich mir immer wieder, während ich mit aufgerissenen Augen die Umgebung beobachtete. Eine kühle Brise wehte vom Meer heran und der Geruch des Lagerfeuers erinnerte mich an die früheren Ausflüge mit meinem Vater. Ich traute mich nicht zu schlafen und versuchte mich deswegen abzulenken, aber bei jedem kleinen Schnaufen und Knurren aus dem Landinneren blickte ich auf und vergewisserte mich, dass nichts Bösartiges in der Nähe war. Von Zeit zu Zeit kam es mir auch so vor, als beobachtete mich jemand, sodass ich schließlich sogar überlegte, ob ich mich vielleicht nicht lieber im Flugzeug verstecken sollte.

Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis schließlich die Sonne aufging. Meine Beine schmerzten vom verkrampften Sitzen, und sobald es mir sicher genug vorkam, lief ich ein Stück. Ich entfernte mich nie zu weit von dem Flugzeug, aus Angst, dass ich es nicht mehr wieder finden und mich verlaufen würde. Meinen Rucksack hatte ich zwar dabei, aber trotzdem war das Flugzeug so etwas wie das einzige Stück Heimat.

Als ich schließlich einige Echsen- vielleicht Warane? –, Hasen, Fische und Vögel bemerkte, fertigte ich mir einen einfachen Holzspeer an. Ich holte mir erneut einen Ast und schnitzte mit einem Taschenmesser aus meinem Rucksack, welches mir mein Vater einst gegeben hatte, eine scharfe Spitze, mit der ich zunächst einige Fische erlegen wollte. Raubtiere sah ich keine, und auch sonst nichts bösartiges, das sich am Strand herumtrieb. Ich hatte in der Nähe des Flugzeugs einen See gesehen, an dem ich mich zunächst wusch. Gegen Mittag, gerade, als die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte, tötete ich den ersten Fisch. Es kostete einiges an Überwindung, aber schließlich schaffte ich es doch, den Holzspeer in das Tier hineinzurammen. Es ist nicht so, dass ich kein Blut sehen könnte oder zu feige wäre, um zu töten, allerdings hatte ich noch nie zuvor einfach so einen Fisch getötet.

Nachdem ich drei Fische gefangen hatte, was ungefähr eine Stunde dauerte, machte ich mich daran, mein Lager auszubauen. Meiner Wunde hatte das Bad gut getan, und nachdem ich mich von dem neu entzündeten Lagerfeuer trocknen ließ, begann ich, erneut Äste, Steine und Blätter zu sammeln, ehe ich begann, einen Baum zu fällen. Ohne angeben zu wollen halte ich mich für einen starken Mann. In meinem alten Leben war ich zweimal in der Woche zum Fitnessstudio gegangen, und hatte öfters meinem Onkel geholfen, Holz zu hacken. Das kam mir jetzt zugute, trotzdem dauerte es ewig, den Baum zu fällen, und schließlich brach ich erschöpft an meinem Lagerfeuer zusammen. Ich verschlief die gesamte Nacht, und als ich aufwachte, stand die Sonne schon wieder hoch am Himmel. Meine Muskeln schmerzten, doch trotzdem war ich froh über meine Leistungen des vorherigen Tages.

An diesem Tag erforschte ich die Insel. Ich ging nicht davon aus, dass Menschen auf ihr leben konnten, und so markierte ich jeden zweiten Baum, indem ich mit meinem Messer eine Kerbe hineinschnitt, um später den Weg wieder zu finden. Vielleicht war sie einmal bewohnt, vielleicht gibt es andere Überlebende, dachte ich, während ich eine Anhöhe empor stieg. Ich legte eine Rast auf einem Hügel ein, von dem ich die gesamte Insel erkennen konnte- Allerdings versperrten mir einige Bäume die Sicht. Anscheinend hatte ich mir die kargste Stelle der Insel für mein Lager ausgesucht. Auf der anderen Seite der Insel gab es mehr Bäume, dort schien es außerdem viel fruchtbarer zu sein.

Nach meiner kleinen Erkundungstour kehrte ich zurück zum Flugzeug- und erschrak. Mein Lagerfeuer war ausgetreten, direkt neben dem Flugzeug ragte ein Holzspeer mit einem Totenschädel empor, an dem noch immer die Flammen leckten. Was sollte das? War das eine Drohung? Wenn ja, von wem? Ich war nicht allein, das wusste ich jetzt. Den ganzen Abend lang grübelte ich darüber, was ich tun sollte. Schließlich aß ich die letzten Chips- ich hätte mir auch ein neues Lagerfeuer machen können, um den Fisch zu braten, aber was hätte ich damit angelockt?

Ich kam zu dem Entschluss, dass ich die Nacht im Flugzeug verbringen sollte. Ich fand eine Taschenlampe unter einem Sitz, die mir als Lichtquelle reichte. Außerdem konnte ich sie ein und ausschalten. Ich versteckte mich zwischen zwei Sitzreihen und machte mich so klein wie möglich. Von meinem Versteck aus konnte ich aus dem zersprungenen Fenster schauen, ein paar Beeren, die ich auf meiner Wanderung gefunden hatte, dienten mir als Mitternachtssnack. Ich fand außerdem einen Collegeblock, in dem scheinbar ein Kind gezeichnet hatte, und einen Kugelschreiber. Ich schrieb nieder, was ich in den nächsten Tagen machen wollte, und begann unbewusst Tagebuch zu führen. Auch mein Smartphone schaltete ich ab und zu an. Auch wenn ich keinen Empfang hatte, so hatte ich trotzdem eine Uhrzeit. Schließlich begann es zu regnen. Schwer prasselten die Tropfen auf das Flugzeug und sogar hinein, doch ich war geschützt. Ab und an ertönte auch ein Donnergrollen, doch das dazugehörige Gewitter schien weit entfernt.

Langsam wurden meine Lider schwer, und schließlich verfiel ich in einen unruhigen Halbschlaf. Als ich jedoch Geräusche in der Nähe des Flugzeugs hörte, war ich abrupt hellwach. Es waren keine Tiere, das erkannte ich an der Art der Schritte. Es waren keine Hufe, auch keine schweren oder leichten Schritte. Es hörte sich vielmehr an wie Menschen, die durch Schlamm laufen. Die Geräusche passten ebenfalls nicht zu Tieren, aber auch nicht zu Menschen- so etwas hatte ich in meinem Leben noch nie gehört. Mal stießen die plötzlichen Eindringlinge einen schrillen Schrei aus, dann schnatterten und zwitscherten sie wie Vögel, dann stießen sie ein merkwürdig hohes „UuuuuuuuuuuuAAAAAAuuuuuu“ aus, bei dem mir ein Schauer über den Rücken lief. Ich war bereit, loszulaufen, falls sie das Flugzeug durchsuchen wollten, aber das schien nicht ihr Plan zu sein.

Als einer von ihnen an einem mir gegenüberliegendem Fenster vorbeischritt, erschrak ich so heftig, dass ich fast meinen Kugelschreiber hatte fallen lassen, den ich fest umschlossen hielt. Das Feuer seiner Fackel erhellte sein Gesicht auf eine groteske Art und Weise. Er trug eine Maske, vielleicht aus Knochen, vielleicht auch aus Stoff oder Holz. Ein Lendenschurz bildete sein einziges Kleidungsstück, sein ganzer Oberkörper war bemalt. Es sind Indianer, dachte ich, während ich mir schnell notierte, was ich gesehen hatte.

Meine Gedanken rasten, was sollte ich tun? Von Zeit zu Zeit sah ich aus dem Fenster, und schließlich erkannte ich, dass sie ein eigenes Lagerfeuer entzündet hatten. Sie schienen nicht zu sprechen wie wir es tun, jedoch unterhielten sie sich auf ihre eigene Weise, mit ihrem Schnattern und Schnauben und Knurren. Ich kroch so vorsichtig wie möglich durch das Flugzeug, bis zu dem Fenster, was den Eingeborenen am Nächsten war. Dann erschrak ich erneut.

Sie aßen nicht das Fleisch eines Tieres, das war nicht schwer zu erkennen.

Über ihrem Lagerfeuer hing ein menschlicher Arm.

Ich schlug mir die Hand vor dem Mund. Mir war plötzlich speiübel, alles begann sich zu drehen.

Ich schaffte es, den Brechreiz zu unterdrücken und verbarg mich dann erneut in meinem Versteck, während meine Gedanken noch ein wenig schneller rasten.

Nach einiger Zeit, vielleicht einer Stunde, sah ich erneut aus dem Fenster. Der Körper, der zu dem Arm gehörte, lag nicht weit von dem Lagerfeuer entfernt. Es war eine Frau, sie trug noch immer ein „I love NYC“ T-Shirt und eine Uhr am Arm. Sie war ein ganz normaler Mensch auf einer Urlaubsreise gewesen, und das war mit ihr passiert. Ich fragte mich unwillkürlich, ob sie schon beim Absturz gestorben war oder ob sie erst durch die Einheimischen ihren Tod gefunden hatte. Es stank erbärmlich.

Mittlerweile stand mein ganzer Körper unter Adrenalin, sodass ich kaum ruhig sitzen konnte. Ich holte das zerknitterte Foto meiner Frau und meinen beiden Kindern hervor und flüsterte ein Gebet, was ich zum letzten Mal bei meiner Konfirmation gemacht hatte. Ich packte so leise wie möglich meine Sachen zusammen, dann begann ich vorsichtig bis zum Ende des Flugzeugs zu kriechen. Die Kannibalen hatten einen ihrer Männer Wache halten lassen, er stand weiter entfernt von dem Lagerfeuer und leuchtete mit der Fackel in die Dunkelheit. Er stand mit dem Rücken zu mir- mit etwas Glück würde er mich nicht bemerken, wenn ich das Flugzeug verließ.

Ich sprang so leise wie möglich aus dem Flugzeug und landete zwischen einigen Trümmerteilen. Am Lagerfeuer schnatterten die Kannibalen noch weiter, auch die Wache hatte mich nicht bemerkt. Weiter, weiter, weiter, dachte ich.

Knack.

Den Ast unter meinem Fuß hatte ich zu spät bemerkt.

Der Wachmann drehte sich so schnell um, dass ich kaum Zeit hatte um zu reagieren. Er lief los und sprang schließlich auf mich zu, die klauenartigen Finger wie ein Wildes Tier zum Schlag angesetzt.

Ich lief los.

Der Regen peitschte mir ins Gesicht, der Wind vertrieb die Geräusche der Einheimischen, doch ich wusste, dass nun auch die Einheimischen am Feuer wussten, dass ich vor ihnen floh. Wohin? Schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Ohne ein bestimmtes Ziel rannte ich weiter, immer tiefer in den Wald hinein.

Auch hier war ich nicht allein.

Ein Einheimischer sprang aus dem Baum, den ganzen Körper mit Rinde und Blättern und Farn bedeckt, sodass er kaum auffiel. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich eine Axt in der Hand hielt. In einer offen gesagt ziemlich irren Aktion blendete ich den Einheimischen mit der Taschenlampe, dann schlug ich zu.

Ich hatte noch nie zuvor einen Menschen getötet, doch ich stellte mir wieder und wieder diese Frau vor, die über dem Lagerfeuer briet, während ich auf ihn einschlug. Schließlich lag der Einheimische auf dem Boden, hielt sich eine klaffende Wunde am Kopf und röchelte. Ich nahm mit zitternden Händen einen Stein, einen von den großen. Dann tötete ich den Kannibalen.

Nachdem ich das getan hatte, blickte ich mich erneut um. Niemand schien mir gefolgt zu sein. Der Regen reinigte das Blut von meinen Armen, und auf einmal schien er das einzige Geräusch in diesem Wald zu sein.

Ich fand in der Nähe eine Felshöhle. Sie ging vielleicht nicht allzu tief hinein in den Berg dieser Insel, aber für eine Nacht reichte er. Ich sammelte mir ein wenig Holz für ein eher klägliches Lagerfeuer, doch es reichte immerhin, um mich aufzuwärmen und einen Fisch ein wenig anzubraten. Der Hunger hatte über die Übelkeit gesiegt, und so aß ich mit zitternden Händen den Fisch. Die Gräten störten mich nicht, ich hatte andere Sorgen. Zwar schienen die Kannibalen für einen Moment außer Sicht, doch sie würden mich erneut jagen wollen, das wusste ich. Ich sah mir erneut das Foto an, fragte mich, wie es meiner Frau und meinen Kindern ging, dann nahm ich mir einen der Energydrinks und schrieben meine Erlebnisse nieder.

Nachdem ich schließlich ein paar Stunden geschlafen hatte war es zwar immer noch stockfinster draußen, allerdings traute ich mich, die Höhle ein wenig genauer zu untersuchen.

Ein schmaler Felsgang führte tiefer hinein, doch was ich sah, verschreckte mich sosehr dass ich zurück zu meinem kleinen Lagerfeuer lief. Solche Höhlen waren also der Ort, an dem die Kannibalen ihre Beute töteten? Fragte ich mich. Drei Leichen hatten von der Decke gehangen, auf dem Boden lagen verstreut Knochen und Körperteile. Alleine das hatte gereicht, um meine Erkundungstour zu beenden. So werde ich nicht enden, dachte ich, während draußen das Gekreische der Eingeborenen ertönte, weit entfernt genug, damit sie mich nicht sehen konnten. Ich wartete ein wenig ab, langsam kam mir die Höhle seltsam erdrückend vor- aus allen Ecken schienen diese Leichen mich anzustarren, obwohl sie viel tiefer in dieser Höhle verborgen waren als ich.

Schließlich setzte ich mich wieder an den Eingang der Höhle und betrachtete den Regen. Er fiel in großen, schweren Tropfen und wurde bei seinem Fall von Blättern, Bäumen und Steinen aufgehalten. Auch ich war oft aufgehalten worden, doch trotzdem hatte ich es geschafft, zu überleben. Nach diesen ersten Tagen wusste ich, was es hieß auf einer solchen Insel zu stranden und um sein Überleben zu kämpfen.

Und ich wusste, ich würde es schaffen.

Genau wie der Regen.

 

Ende(?)

 

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