ALLE ARTIKEL, RAINY MONDAY
Schreibe einen Kommentar

Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil Vier

 

Mary Rayden stand am Fenster des im Gotik-Stil erbauten Hotels „Maisonne“. Die Sonne war nicht zu sehen, stattdessen bedeckten düstere, graue Wolken den Himmel. Der Regen prasselte an die Fensterscheiben und spiegelte Marys Stimmung wieder. Ich hasse Geschäftsreisen, dachte sie, während sie sich von dem Fenster abwandte und auf ihren prall gefüllten Koffer zuging. Ihre beiden Söhne, Michael und Georg, lebten in dieser Stadt. Mary hatte selbst einmal in Silent City gelebt, bis sie sich irgendwann dazu entschloss, die Stadt zu verlassen und schönere Städte aufzusuchen. Nun hatten sie ihr Haus geerbt. Mary hätte die zwei Wochen, die sie in der Stadt blieb, bevor sie nach London weiterreiste bei ihnen verbringen können, allerdings mochte sie das Haus nicht.

Und das hatte seinen Grund. Seit ihrer ersten Nacht in dem Haus hatte sie stets Alpträume gehabt, in denen IMMER weiße Masken eine Rolle gespielt hatten. Ihre Mutter Elisabeth hatte ihr einmal eine Geschichte von einem Mann mit einer weißen Maske erzählt, der die ungerechten und die Sünder bestrafte und seit Urzeiten in der Stillen Stadt lebte. Bis zu ihren Alpträumen hatte Mary nicht an dieses Kindermärchen geglaubt, und auch jetzt konnte sie sich schwer vorstellen, wie ein irrer mit einer weißen Maske durch die Stadt lief und einen Bankräuber umbrachte.
Seufzend holte sie ihre Kleidung aus dem Koffer und verstaute sie ordentlich im Schrank. Auf ihrem Bett hatte sie bereits eine Ansammlung aus den verschiedensten Büchern ausgebreitet, darunter Titel wie „Wie bekämpfe ich meine Alpträume?“, „Tipps für Sympathie“, „Eine Milliarden Projekte“ und „Der schnelle Weg zum Ruhm“. Das Projekt „Renewal of the city“ war eine Idee Marys gewesen, und sie setzte alles daran, es so perfekt wie möglich auszuführen. Dass ihr erster Auftrag sie nach Silent City führte, fand sie dagegen nicht ganz so toll. Sie hasste die Stadt und die Stadt hasste sie- Ihr Mann, Timothy Rayden, war vor wenigen Wochen von einer Brücke gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen.

Während der Beerdigung hatte Mary keine einzige Träne vergossen; Timothy war ein schlechter Mensch gewesen, auch wenn sie es all die Jahre nicht zugeben wollte, die sie mit ihm verheiratet gewesen war.  Er hatte sich ständig in den Kneipen in der Nähe des Hauses besoffen und war dann sturzbetrunken wieder zurückgekommen. Mary wusste, dass er durch fiese Intrigen seine Gegner und jene, die nicht mit ihm einer Meinung waren, gegeneinander ausgespielt hatte. Außerdem war er oft nach Frankreich gereist- Alleine, kein einziges Mal hatte er Mary gefragt, ob sie mitkommen wolle. Einmal hatte sie auf seinem Nachttisch ein Foto von ihm, zusammen mit einer jungen, viel hübscheren Frau als sie gesehen, ihn jedoch nie darauf angesprochen. Und jetzt war er tot.

Mary hatte sich einmal vorgestellt, ob Timothy bösartig genug gewesen war um die Aufmerksamkeit des Mannes mit der Weißen Maske zu erwecken, war jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass er einfach einen unglücklichen Tag hatte und so seine gerechte Strafe und nicht durch die Klinge eines irren Killers bekommen hatte. Michael, Georg und sie hatten sich nie darüber unterhalten; ihre Söhne hielten die Geschichte über den Maskenträger nur für eine Legende, das wusste sie.

Leise vor sich hinsummend erhob sich Mary, atmete tief durch und räumte dann die letzten Sachen weg, bevor sie sich aus ihrem Hotelzimmer begab und treppab zum Essenssaal lief. Sie erschnupperte bereits den Duft von frisch geröstetem Brot, allerlei Fleisch- und Fischsorten und Gemüsepfannen. Mit knurrendem Magen stellte sie sich an die Schlange, die sich vor dem Buffet gebildet hatte. Draußen erhellte ein Blitz die Nacht und für einen irren Augenblick stellte sie sich vor, wie die weiße Maske vor der „Maisonne“ stand und nach bösartigen Menschen Ausschau hielt.

„Und? Wie fühlt es sich an, wieder zuhause zu sein?“ Mary erschrak so heftig, dass sie fast den Teller hätte fallen lassen, als Carmen sie von der Seite ansprach. „Das ist nicht mehr mein Zuhause, Carmen. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ sagte sie lachend und mit pochendem Herzen. Im Moment dachte sie oft an den Maskenträger. Sie brauchte dringend Ablenkung, die nur Carmen ihr bieten konnte. Mit ihren grauen Haaren und den Sorgenfalten um Mund und Augen wirkte Mary sicher sehr besorgt, Carmen bildete genau das Gegenteil: Klein gewachsen, mit kurzen, roten Haaren und mit etlichen Lachfalten.

„Aber… fühlst du dich denn kein bisschen heimisch? Nicht ein bisschen?“ Carmens Stimme klang ungläubig. „Doch, vielleicht ein bisschen… ich hasse diese Stadt, das ist das einzige, was ich für sie empfinde. Wenn du das für heimisch hältst…“ antwortete Mary. …bist du verrückt, fügte sie hinzu, während sie sich ein Stück Salzbraten auf den Teller lud. Draußen erhellte ein weiterer Blitzschlag die Nacht und das Messer in der Hand des Maskenträgers funkelte auf, während dieser einen weiteren Namen in seiner Liste abhakte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.