RAINY MONDAY
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Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil Sechs

 

Das Ungeheuer liebte die Nacht. Es liebte die Streifzüge über die Dächer und durch die schmalen Gassen der Stillen Stadt, liebte den Geruch des Todes, liebte das Gefühl des Messers in seiner Hand. Die Nacht war kälter als sonst. Es waren weniger Leute auf den Straßen, der Regen fiel in wenigen Tropfen vom Himmel. Der Himmel weint, dachte das Ungeheuer, während es sich von dem nördlichen Ende der Graysson-Bridge hinabstürzte.

Die eisigen Fluten umhüllten ihn, schienen ihn willkommen zu heißen. Er schwamm bis zu dem nahe gelegenem Ufer des Blister-Hafens, ohne auch nur zu frieren. Mit den Jahren hatte er sich immer mehr abgehärtet, spürte die Kälte kaum. Wo seid ihr, alter Mann? Das Ungeheuer drehte das Messer zwischen den Fingern. In der Nähe hörte es den Motor eines Autos. Still und leise folgte das Ungeheuer dem Geräusch bis zu einer nahen Lagerhalle. Schließlich hörte er Stimmen… es waren zwei Männer, wie er erkannte.

„Die Lieferung muss morgen draußen sein. Ich kann’s mir nicht leisten, wenn uns die Cops erwischen.“

„Natürlich. Hast du— hast du die Papiere dabei?“

Die Stimme des zweiten Manns klang nervös und stotternd. Da ist er. Vorsichtig schlich er sich näher heran, bis er die beiden sehen konnte. Der erste Mann hatte schwarze Bartstoppeln im Gesicht und kleine, unfreundliche Augen. Auf seiner Glatze war ein Totenkopf tätowiert, und genau der gleiche befand sich auch auf seiner schwarzen Lederjacke.

Der zweite Mann- das Ziel des Ungeheuers- hatte braune Haare und einen kurzen, ebenfalls braunen Bart. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet, und um seine Augen hatten sich die Sorgenfalten vertieft. Keine Sorge, alter Mann, es wird schnell zuende gehen. Ihr werdet nicht lange leiden. Für einen Moment überlegte das Ungeheuer, die beiden einfach zu erschießen. Indem er sein Ziel gefunden hatte, hatte er gleichzeitig ein neues dazu bekommen. Der erste Mann stammt nicht von hier. Er gehört nicht in diese Stadt und schadet ihr trotzdem. Wie, dass musste er noch herausfinden.

Er hob das Messer und klopfte ein paar Mal gegen die Eisenwand der Lagerhalle. Das Geräusch schien aus allen Richtungen zu kommen.

„Was war das?“ riefen beide Männer gleichzeitig, und der braunhaarige ließ den Benzinkanister fallen, den er gerade noch in der Hand gehalten hatte.

„Niemand“, zischte es aus der Dunkelheit.

Der Knall ertönte so plötzlich, dass der Braunhaarige einen Satz nach hinten machte und gegen die Wand prallte. Die Wucht des Schusses stieß den Glatzkopf nach hinten. Er war sofort tot. Nur noch eine Maus, dachte die Katze, die noch immer hungrig war. Er hob das Messer.

„Wer seid ihr? Lasst mich in Ruhe, geht weg von mir, ich habe euch nichts getan!“ schrie der Braunhaarige schrill und mit vor Angst verzerrten Gesichtszügen. „Ronald Golden“ zischte das Ungeheuer, während es langsam um sein Opfer herumschlich. Ronald wimmerte leise. „Ihr habt Silent City in den Drogenhandel gestürzt, Waffen an Kriminelle geliefert, durch Ungerechtigkeiten Geld gemacht. Ich bin hier, um euch zu richten.“

Eine Pistole blitze in Ronalds Händen auf. Er schoss, ohne überhaupt zu zielen.

„Ich konnte nichts dafür… Man hat mich erpresst…“

Arme Kleine Maus, dachte das Ungeheuer und warf das erste Messer.

Ronald schrie auf. Das Messer hatte sich in seinem Bein vergraben. Guter Treffer, spielen wir mit ihm. Er zog ein zweites Messer und trat dann die Pistole weg, die aus den Händen seines Zieles gefallen war.

„Nein, bitte… Ich habe Frau, Kinder…“ wimmerte Ronald leise.

„Eure Frau habt ihr mehr als einmal betrogen und um eure Kinder habt ihr euch nie gekümmert. Es wird sie nicht stören, wenn ihr nicht mehr hier seid.“

„Sie brauchen einen Vater, bitte… Ich werde so etwas nie wieder tun, das schwöre ich…“

Das Ungeheuer trat ins Licht. Seine Maske war makellos weiß wie immer. Er strich mit der Hand darüber, sog die Angst tief ein, die von seinem ziel ausging. Dann packte er ihn an den Schultern und stieß ihn gegen die Wand, hielt ihm das Messer an den Hals.  Ronald schrie auf.

Draußen hörte das Ungeheuer bereits die Polizeisirenen. Irgendein Idiot hat die Bullen gerufen. Wenn die Cops die Lagerhalle erreicht hatten, würde er schon lange weg sein.

„Wer hat euch erpresst? Wer ist euer Auftraggeber?“ zischte das Ungeheuer.

„Es ist der, den ihr fast erwischt hättet… Bitte lasst mich gehen…“ Das Ungeheuer schnitt Ronald langsam in den Hals. Dieser riss die Augen auf wie ein verängstigtes Tier.

„Michael… Rayden.“ Stieß er hervor.

Das wird eine lange Nacht werden, dachte das Ungeheuer voller Vorfreude.

Dann stieß er seinem Opfer das Messer ins Herz.

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