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Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil Fünf

 

Als sein Bruder auf die Knie fiel, wusste George, dass etwas nicht stimmte. Warum gerade jetzt? Was habe ich falsch gemacht? Dachte George, während er hektisch seinen Notizblock verstaute und die Zigarette zur Seite warf. „Michael!“ rief er. Das war weder der rechte Zeitpunkt noch der rechte Ort, an dem sein Bruder zusammenbrechen konnte. Michael hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wie ein Unschuldiger während eines Schusswechsels. Er hat Halluzinationen, erkannte George, Wahnvorstellungen, ein Trauma. George kramte die Tabletten aus seiner vollgestopften Jackentasche hervor, während ihm die Regentropfen auf den Kopf prasselten. Muss das sein? Genau das kann ich jetzt nicht gebrauchen. „Halte durch, Bruder“ murmelte er, während er eine Tablette aus der Packung heraus drückte, „du hast den Angriff überlebt, das hier wirst du auch überleben.“ Als George versuchte, seinen Bruder zu packen um ihm die Tablette zu verabreichen verfiel dieser in grotesk wirkende Zuckungen, sodass George einige Schritte rückwärts stolperte. „Verdammt!“ rief er, ehe er sich zusammenreißen konnte. Er atmete ein paar Mal tief durch, dann wagte er noch einen Versuch.

Diesmal schaffte er es.

Michael schien von einem Moment zum anderen komplett zu einer Statue zu erstarren, noch nicht einmal seine Augen bewegten sich. Groß und leer starrten sie George an, sodass ihm ein Schauer über den Rücken lief. Michael wimmerte leise, und schließlich erhob George sich. Der Anfang wäre geschafft, dachte George. Sein Blick glitt über die Brücke.

Die Wellen zu beiden Seiten schienen trügerisch zu flüstern, George konnte beinahe seinen Vater in den Wellen treiben sehen. Michael wimmerte. Die Wellen flüsterten. Der Mond strahlte kalt auf die Brücke hinab und aus dem Meer hinaus, schien selbst eine weiße Maske zu sein.

Einen Moment überlegte Michael, ob er sich nicht noch eine Zigarette anzünden sollte. Verdammt, dachte er, verdammt verdammt verdammt.

Den Mann hinter sich hatte er kaum bemerkt.

Und das Messer in seiner Hand schon gar nicht.

„Was machen sie hier, Rayden?“

George jagte ein solcher Schock durch den Körper, das er die Packung mit den Tabletten fallen ließ. Sein Herz schien für einen Moment auszusetzen. „Verdammt, Carper! Was zum Henker…?“

Arthur Carper war einer der angesehensten Politiker der Stadt. Mit seinen fast sechzig Jahren hatte viel mit Timothy Rayden zu tun gehabt und war außerdem der erste Mann der Stadt, der den Angriff des Maskenträgers überlebt hatte.  Seitdem trug er stets ein Messer bei sich, wie George einmal von Michael erfuhr.

„Wir haben hier nach Anzeichen des Maskenträgers gesucht… Ich dachte, ich könnte meinen Bruder zu dem Angriff des Maskenträgers auf ihn befragen, aber… nun, er ist zusammengebrochen.“ Stotterte George, immer noch erschrocken.

„So etwas passiert mit ihm in letzter Zeit immer öfter. Seit der Maskenträger wieder die Jagd aufgenommen hat…“

„Die Jagd aufgenommen hat? Von was reden sie da, Carper?“ George musterte misstrauisch den alten Mann: er trug sein graues Haar so kurz wie an dem Tag, an dem George ihm von Michael vorgestellt wurde. Seine Augen waren so hellblau wie George es noch nie gesehen hatte; man konnte fast glauben dass der alte Mann blind sei.

„Die Jagd, ja. Er macht Jagd auf Menschen mit bösartigen Taten oder einem bösartigen Herzen. Die Geschichte musste ihnen doch sicher schon einmal ihre Großmutter erzählt haben?“ sagte Arthur Carper mit einer ein wenig knarzender Stimme.

„Natürlich“ gab George zurück, „sie hat diese Geschichte jedes Mal erzählt, wenn wie bei ihr waren… bis zu ihrem Tod.“

„Nun, dann wissen sie auch, was ich mit der Jagd meine. Sie sollten so schnell wie möglich hier verschwinden… warten sie, ich helfe ihnen.“ Vollkommen verwirrt sah George zu, wie Arthur Carper voranschritt und Michael an den Armen packte. „Hören sie… Sie müssen mir einige Fragen beantworten…“

„Später“ sagte Carper und deutete auf Michael. „Zunächst einmal sollten wir von dieser Brücke verschwinden.“

Während George eilig die Tablettenpackung einpackte warf Arthur Carper vorsichtshalber einen Blick nach hinten. Sie hatten Glück… Der Maskenträger hatte sich für diese Nacht ein anderes Opfer gesucht. Ein leichtes Lächeln breitete sich auf Arthur Carpers Lippen aus, während er zusah wie der Maskenträger sein Messer zog.

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