ALLE ARTIKEL, RAINY MONDAY
Kommentare 1

Fortsetzungsgeschichte „Familienfluch“- Teil 17

Stille war nur ein anderes Wort für Angst. Angst, ein Geräusch zu verursachen, Angst, auf sich aufmerksam zu machen. Das wusste Carl Moonfire schon seit seiner Kindheit. Die Graysson-Bridge ragte hoch vor ihm auf, an einigen Stellen konnte er die Bauarbeiter sehen, die an den Gerüsten entlangkletterten wie die Affen des Dschungels. Silent City, so lautete der Name der Stadt, und sie war zu einem Meisterwerk geworden, wie ihm immer wieder auffiel.

Schon jetzt strömten die Geschäftsleute aus aller Herren Länder herbei, um etwas von den reichen Erzvorkommen des Landes rund um die Stille Stadt abhaben zu können, und fast täglich stellten die verschiedensten Leute Anträge auf ein eigenes Grundstück. Weit hinter der Graysson-Bridge lag seine Villa, der Stammsitz der Moonfires. Niemand wusste, wie der wahre Name Carl Moonfires lautete, und er hatte dafür gesorgt, dass es auch niemanden mehr gab, der sich an die Vergangenheit des eiskalten Mannes erinnerte.

Mit Ausnahme von Arthur Carper: der Mann mit den eisblauen Augen war Carl auf seiner Reise immer mehr ans Herz gewachsen, und außerdem wusste dieser viele Geheimnisse über die berühmten Persönlichkeiten, die fast täglich mit Carl sprechen wollten. Seine Beweggründe, die Stille Stadt zu bauen, kannte jedoch selbst Arthur nicht, wobei Carl bemerkt hatte, wie der Intrigenmeister aus New York ihn immer öfter mit messerscharfen Blicken durchleuchtete. Carl machte sich nichts vor, er wusste, wie schlau Arthur war. Und er wusste auch, dass dieser gewiss bestimmte Ziele hatte, und ihn dafür benutzte um diese zu erreichen.

Einer der ersten Männer, die an diesem Tag mit Carl reden wollten, war Timothy Rayden, ein junger Mann, jedoch mit mausgrauem Haar, das sein rechtes Auge verdeckte. Er war einer der einzigen Männer, über die Arthur Carper kaum etwas herausgefunden hatte, sodass sich Carl Moonfire zum ersten Mal unsicher war, wie er mit dem Mann zu reden hatte. Doch hinter seinem geübten Schleier aus Emotionslosigkeit wusste er, dass er die meisten Geschäftsleute mit dieser Fassade einschüchtern konnte.

Wie auch Carl betrachtete der grauhaarige die Brücke vom Kiesstrand aus, während sich einige Enten auf das alte Brot stürzten, dass er ihnen hingeworfen hatte. Als Carl ihn entdeckte, machte er einige Schritte auf ihn zu, doch ehe er das Wort ergreifen konnte, sprach Timothy mit ruhiger, klarer Stimme. „Mr. Moonfire. Meine Glückwünsche für ihre gelungene Reise. Und auch zu ihrer erfolgreichen Stadgründung, ich selbst hätte es nicht besser machen können.“ Er wandte sich zu Carl um und musterte in mit dem jadegrünen Auge, welches nicht durch die Strähnen seines grauen Haares verdeckt wurde.

„Dankeschön.“ Antwortete Carl und musterte den jungen Mann misstrauisch. Irgendetwas an seiner Art gefiel ihm gar nicht. „Ich wollte mit ihnen sprechen, um ihnen einige Fragen bezüglich der Erzvorkommen zu stellen…“ begann Timothy. „Nein,“ unterbrach ihn Carl. „Nein, sie kommen zu spät. Die meisten Vorkommen haben sich die Leute geschnappt, die schneller waren als sie.“ Timothy lächelte. „Ich meinte nicht die Erze… ich meinte dass, das sein Nest…“ Wieder unterbrach ihn Carl. „Ich bin nicht hergekommen, um mit ihnen über die Ratten zu reden, die wir bereits vor der Stadtgründung erfolgreich vertreiben konnten. Ansonsten verstehe ich nicht, worauf sie hinauswollen.“ Sagte Carl und ein ungutes Gefühl beschlich ihn.

„Oh doch, sie wissen sehr wohl, worauf ich hinaus will.“ Sagte der grauhaarige und fixierte Carl. Für einen Moment dachte Carl, er hätte etwas rot leuchtendes zwischen den grauen Haarsträhnen des Mannes gesehen, wo eigentlich sein zweites Auge hätte sein sollen. „Sie bewegen sich auf gefährlichem Terrain.“ Warnte Carl den Mann. Die Klinge in seinem Spazierstock würde er nicht das erste Mal benutzen müssen. Zu seinem Glück waren die Bauarbeiter bestechlich.

„Wenn sie das durchziehen, was sie vorhaben, wird sich die Maske gegen sie wenden, und sie werden etwas entstehen lassen, was lieber tot geblieben wäre.“ Die schnelle Handbewegung des Mannes bekam Carl kaum mit, und als das Wurfmesser sich in seine Kehle bohrte, wusste er, dass er verloren hatte.

Doch das war erst der Anfang.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.