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Familienfluch- Die Ruhe vor dem Sturm (Teil 1 von 4)

Selbst tief unter Silent City hörte man, dass sich etwas rührte. Etwas baute sich auf, wurde zu einem riesigen Sturm aus Geheimnissen und Mythen, die sich erst nach Ablaufen des Countdowns offenbaren würden. Die Bestie schlug die Augen auf, und die Frau, die sich ängstlich an der Wand zusammengekauert hatte, versuchte, dem durchdringenden Blick des… Wesens zu entkommen.
Sie hörte ihr eigenes Herz so laut klopfen dass sie befürchtete, die Bestie könnte es ebenfalls hören und dadurch wieder hungrig werden. Die Frau hatte gesehen, was mit Mary Rayden passiert war und auch von dem, was man nachher mit ihr gemacht hatte, und sie hatte nicht vor, ebenfalls so zu enden. Stattdessen rutschte sie langsam an der Wand entlang. Je langsamer sie war, desto weniger würde die Bestie merken, dass sie sich bewegte. Sie spürte den kalten Stein hinter sich, der selbst durch ihre Kleidung drang und die Höhle noch ein wenig kälter wirken ließ.
Die Bestie schien die Kälte nicht zu stören, und auch nicht den Mann, welcher am anderen Ende der Höhle lässig an der Wand lehnte. Er hatte sich als „Timothy Rayden Junior“ vorgestellt, doch sie hatte das für einen Witz gehalten. Sie kannte nur Timothy Rayden, und der wurde von dem Maskenträger eine Brücke hinuntergestoßen, wie sie gehört hatte. Als sie damals noch in den Stadtarchiven gearbeitet hatte, hatte sie so ziemlich alles zu den Raydens und den Moonfires und den ganzen anderen großen Familien der Stillen Stadt herausgefunden, sodass sie genau wusste, dass es keinen einzigen Timothy Rayden Junior gab, zumindest nicht in dieser Stadt.
Die Bestie schnaubte laut, und sie fuhr zusammen und stieß einen kurzen, spitzen Schrei aus. Ihr Herz raste, und der Mann am anderen Ende der Höhle lachte auf.
„Ich glaube, gleich ist Fütterungszeit angesagt“ sagte der Mann und zog seinen Degen. Sie hatte gehört, wie ihn die anderen Männer, die sie hergebracht hatten „Degen“ nannten, und jetzt erkannte sie auch den Grund dafür. Degen trug eine rote Maske, die sie ein wenig an die weiße Maske des Maskenträgers erinnerte.
„Nein, bitte…“ flüsterte sie flehend. Die großen, goldenen Augen der Bestie ruhten auf ihr und schienen sie zu durchbohren.
Degen legte den Kopf schief und betrachtete sie. „Sie scheinen einiges zu wissen, und es wäre nur zu gut, sie einfach auszulöschen. Doch vorher sollten sie mir noch einige Fragen beantworten.“
Sie war starr vor Angst und starrte immer noch die Bestie an, darum bemüht, ihr nicht in die Augen gesehen. Wilde Tiere konnte man mit Augenkontakt provozieren, doch auch wenn dieses… Wesen… anscheinend kein richtiges Tier war, so hatte sie doch keinen Hinweis darauf, dass es sich nicht trotzdem auf sie stürzen würde.
„Keine Angst, sie wird nur fressen, wenn ich es ihr sage.“ Degen setzte die Maske ab und lächelte kalt. „Also: Wer, glauben sie, bin ich?“
Sie löste die Augen von der Bestie und erwiderte stattdessen Degens Blick. Er war ein braunhaariger Mann mit graublauen Augen, die im Licht der Fackeln, die man an der Höhlenwand aufgehängt hatte, seltsam leuchteten. „Sie… sie sind Degen…“
„Nein, nein. Sie verstehen nicht. Wer bin ich?“ Er strich über die Rote Maske in seiner Hand.
Der Schock traf sie wie ein Hammer. Konnte das vor ihr wirklich Henry Moonfire sein, der Bruder von John Moonfire, welcher die Maske seines Vaters geerbt hatte, wie sie herausgefunden hatte?
„Oh, langsam verstehen sie es.“ Er lachte auf. „Ich bin Henry Moonfire, der Bruder von John Moonfire und der Sohn von Carl Moonfire, dem Gründer dieser gottverdammten Stadt über uns und dem Erschaffer dieser Kreatur.“ Er löste sich von der Wand und trat einige Schritte auf sie zu. „Und wissen sie, was das Tollste ist? Ich bin der Einzige, der über diese Bestie herrschen kann, auch wenn mein Bruder verzweifelt versucht, das Gegenteil zu beweisen. Ich bin der einzige, der mit ihr die Stille auslösen wird.“ Er grinste, und seine Augen schimmerten im Licht der Fackeln.
„Aber das ist noch lange nicht alles, was sie wissen, nicht wahr?“ Er trat vor und legte eine sehr kalte Hand an ihr Kinn. Ihr Herz pochte vor Angst.
„Erzählen sie mir, was genau gerade vor sich geht. Erzählen sie mir ihre Sicht der Dinge.“
„Es…“ sie stoppte, und er hob ihren Kopf an. „Es begann alles mit Timothy Rayden Junior…“ sagte sie leise, und Henry Moonfire trat zurück und lachte laut auf.
„Oh Nein, es fängt alles viel früher an. Denken sie nach.“

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