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Ein Jahr – Drei Geschichten

Wegweiser zukunft pur

„Hast du schon  nen Bescheid von der Uni?“, „Wieso gehst Du denn nach Südamerika, kannst Du so gut Spanisch?“, oder einfach nur „Hey, was machst Du eigentlich nach dem Abi?“.

Schule ist vorbei. Alle Zettelchen kommen wieder in den Topf, es wird neu gemischt. Nun heißt es für die Abiturienten über die Zukunft nachdenken, sich mit seinen Zielen auseinandersetzen und gucken wo es lang gehen soll.

Jedes Jahr das gleiche Spielchen, mit ähnlichen Entscheidungen wie die, die schon letztes Jahr von anderen in der gleichen Situation getroffen wurden.

Aber was waren IHRE Entscheidungen? Und was sagen SIE über das, was so vielen Neuabiturienten in den nächsten Jahren noch bevor steht?

Spulen wir mal zurück. Es ist Frühsommer im Jahr 2012, als Sofie Herbstreit, Tamy Beyeler und Lena Plenge ihre Abizeugnisse in der Hand halten. Sie alle haben die gleiche Schule besucht, waren auf den gleichen Parties, haben im Leistungskurs Deutsch die selben Lektüren gelesen und müssen jetzt doch für sich ganz allein entscheiden was sie wollen.

Ein Jahr später. Es ist Oktober im Jahr 2013, und wir fragen bei den Dreien mal nach wie das Jahr denn für sie so war.

Sofie Herbstreit, 18 Jahre, studiert „Internationale Food- and Agribusiness“ in `s-Hertogenbosch (Niederlande)

Wieso studierst Du das, was Du studierst?

Erstmal was ich studiere: International Food and Agribusiness (grinst, haha). Dabei geht es um nachhaltige Produktion von Lebensmitteln und wie man das in die heutigen Märkte integrieren kann. Eine der zentralen Fragen dabei ist “How to feed the world” – also wie man in Zukunft alle Menschen ernähren kann, auch in Dritte-Welt-Ländern, ohne die Resourcen die wir haben komplett aufzubrauchen.
Warum ich mich dafür entschieden habe, ist eigentlich ganz simpel: Solche Probleme müssen halt gelöst werden. Es ist nicht so, dass das Studienfach meinen Interessen voll und ganz entspricht, eher weniger eigentlich. Aber ich wollte nicht Linguistik oder germanische Sprachen studieren, “solche Leute” gibt es genug. Mir war es wichtig, dass man auch nach dem Studium Perspektiven hat; es ist also mehr ein Kompromiss aus Interessen und … Zukunftsorientiertheit – falls man das als Nomen benutzen kann.

Warum die Niederlande?

Weil ich nicht in Deutschland bleiben wollte. Das war schon klar als ich klein war, und hat sich während meiner Schulzeit auch nicht geändert. Plus, in Deutschland konnte ich keinen Studiengang finden der wirklich dem entsprochen hätte wonach ich gesucht habe.
Die Niederlande war auch nicht gerade meine erste Wahl, aber da ich nach dem Abi erst 17 war, war die Auswahl nicht allzu groß; meine (sehr mütterliche) Mutter hätte mich natürlich nicht nach Südafrika oder Asien gehen lassen.

Hattest Du mal Zweifel daran ob es das Richtige ist?

Auf jeden Fall. Wie gesagt, das was ich jetzt studiere war ein Kompromiss – zu dem ich mich selber entschlossen habe, aber trotzdem – und dann war auch noch das Land in dem ich studiere ein Kompromiss mit meinen Eltern. Natürlich kommen da Zweifel auf, ob man nicht vielleicht einen von den vielen Kompromissen besser hätte lösen können. Aber ich würde das Studium trotzdem nicht abbrechen. Das wäre eine totale Zeitverschwendung, nachdem ich schon auf ein Jahr was-auch-immer verzichtet und direkt mit dem Studieren begonnen habe. Dieser pausenlose Übergang von Schule zu Studium ist zwar auch nicht, was ich mir vorgestellt habe, aber immerhin werde ich noch immer eine der Jüngsten sein, wenn wir das Studium abschließen.
Das heißt: Genug Zeit für andere Studiengänge und Auslandsaufenthalte, nur mit der Sicherheit eines bereits abgeschlossenen Studiums im Hinterkopf.

Was gefällt Dir am Besten?

Gute Frage. Ich nörgel gerne an dem holländischen Schulsystem rum, aber eigentlich gewöhnt man sich daran.
Die Leute hier, speziell auf die Lehrer bezogen, sind einfach seeeehr sehr offen. Das ist erstmal ein bisschen befremdlich, aber jeder nimmt sich wirklich Zeit und versucht, auch bei persönlichen Problemen zu helfen. Außerdem, und das bezieht sich nicht nur auf die Uni, sondern auch auf das gesamte “holländische” Umfeld, spricht jeder hier sehr gut Englisch; besonders im Vergleich zum deutschen Durchschnittsbürger (30+). Das hilft sehr, wenn man in der Sprache wirklich sicher werden möchte. Selbstverständlich ist nicht jeder Niederländer begeistert darüber, Englisch mit Dir sprechen zu müssen. Aber bis jetzt ist es jedem gelungen – selbst auf Partys – spontan zu Englisch zu wechseln, um eine Art Konversation zu haben. Viele versuchen sich sogar in Deutsch; die Leute hier sind einfach nett. Weitaus netter als Deutsche, um mal ein Lob an mein neues Heimatland auszusprechen.


Tamy Beyerle, 20 Jahre, Au-Pair in Jyväskylä (Finnland)

Wieso ein Au-Pair?

Zuerst war für mich klar, dass ich nach dem Abitur ins Ausland gehen möchte.
Ich bin immer gern gereist und bin interessiert an anderen Kulturen und Menschen. Ich wollte selbst Teil einer für mich neuen Kultur sein und auch mehr über mich selbst erfahren. Um nicht ganz auf mich allein gestellt zu sein und um intensive Beziehungen aufzubauen, habe ich mich letzendlich für die Aupair-Arbeit entscheiden.
Mein grobes Ziel war seit Jahren Skandinavien. Ich war immer interessiert an diesen nordischen, scheinbar so friedlichen und freundlichen Ländern. Ich habe mich bei verschiedenen Familien, unter anderem auch in Schweden und Norwegen beworden. Meine Gastfamilie war letzendlich der Grund weswegen ich 11 Monate in Finnland gelebt habe.

Konntest Du die Sprache?

Nein. Ich hatte großes Glück, dass die Kinder meiner Gasteltern zweisprachig erzogen wurden. Mit der Familie habe ich mich überwiegend auf Englisch, zum Ende hin aber auch auf Finnisch unterhalten. Ich besuchte einen zweistündigen Sprachkurs jede Woche und habe auch durch bloßes Zuhören die Grundsätze der Sprache erlernt.

War es schwer für Dich zu integrieren?

Am Anfang hatte ich tatsächlich keine Motivation mich um Kontakte zu bemühen. Ich war froh, mit den Kindern zusammen zu sein und auch am Wochenende viel mit der Familie zu unternehmen.
Da ich auf keine Schule gegangen bin, gab es für mich nur wenige Möglichkeiten Menschen in meinem Alter zu treffen, die auch an mir als Fremde in ihrem Land interessiert waren. Meine Gastmutter kannte ein paar Familien die auch Au-pairs beherbergten – Sie gab mir sozusagen die Starthilfe Freunde zu finden.
Witzigerweise habe ich noch drei weitere deutsche Au-pairs kennengelernt. Die Finnen sind ein sehr schüchternes Volk und ich hatte von Anfang an das Gefühl, es ist schwerer sich einen Bekanntenkreis zu schaffen. Letzendlich habe ich nicht viele Freunde gefunden, aber dafür eine handvoll die – glaube ich – für die “Ewigkeit” sind. Meine Gastmutter hat mir erzählt, es sei schwer in die Kreise zu gelangen in Finnland, aber wenn du erstmal drin bist, dann bist du es für immer. Genau so ein Bild habe ich von den Finnen bekommen.

Was war dein positivstes Erlebnis?

Ich kann kein Erlebnis benennen, dass das beste war an meinem Auslandsjahr. Ich bin viel gereist und habe viel gesehen. Es war schön immer mehr ein Teil der Familie zu werden und sich immer vertrauter in der Umgebung zu fühlen.
Während meines Aufenthalts war ich zweimal in Lappland und ich möchte jedem ans Herz legen dort einmal im Leben hinzufahren! Es ist unbeschreiblich schön dort. Besonders im Winter ist es so still dort und alles sieht friedlich aus, sodass man das Gefühl hat “hier ist die Welt noch in Ordnung”.

Was nimmst Du für Dich mit?

Einmalige Eindrücke und Erlebnisse, Menschen die mich verändert haben und neue Charakterzüge. Durch die Arbeit mit den Kindern bin ich geduldiger und toleranter geworden. Ich bin weltoffener und verantwortungsbewusster. Als “Fremde” musste ich viel Mut beweisen mich der neuen Kultur anzupassen und mich auf sie einzulassen.
Ich nehme ein zweites Zuhause mit zurück nach Deutschland und damit unzählige Erinnerungen.


Lena Plenge, 19 Jahre, Ausbildung zur Kauffrau für Speditions- und Logistikleistungen Bei Fiege Logistik Stiftung & Co. KG in Bremen (Deutschland)

Warum machst Du eine Ausbildung?

Eigentlich hab ich mich Anfangs ziemlich von meinen Eltern beeinflussen lassen, die haben natürlich sehr praktisch gedacht und konnten mich mit einem Argument überzeugen das auch immer noch der Grund ist, warum ich denke meine Entscheidung war richtig: Wenn Du eine Ausbildung abgeschlossen hast, hast Du etwas in der Tasche. Egal was du danach in Deinem Leben ausprobieren willst, Du weißt immer, dass da was ist auf das Du Dich stützen kannst. Du wirst jederzeit bereit sein in diesem Beruf zu arbeiten und dein Geld zu verdienen.

Ich denke oft daran, wie viel Zeit ich nach dem Abi mit einem Studium zunächst verschwendet hätte, da ich wirklich überhaupt keine Ahnung hatte was ich machen sollte. Jetzt aber wenn ich nächstes Jahr meine Ausbildung abgeschlossen habe und danach ein Studium anfange, kann ich in Ruhe alles ausprobieren. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Wenn nicht, dann gehe ich wieder in meinen Ausbildungsberuf.

Sehr wichtig finde ich mittlerweile – das hab ich natürlich am Anfang der Bewerbungen nicht so gesehen (lacht) – dass man als „junger Erwachsener“ einen Arbeitsalltag kennen lernt. Wenn bei uns ins Unternehmen Studenten kommen, wissen diese häufig gar nicht wie das in der Praxis ist, am Tag 8 Stunden im Büro zu sein. Klar das Unileben ist auch nicht immer leicht, aber durch die viele Freizeit und etwas lockerere Lebensweise möchte ich fast behaupten die Studenten sind ein wenig grün hinter den Ohren, selbst wenn sie Ihr Studium abgeschlossen haben. Ich denke es ist gut und wichtig zu wissen, wie der spätere Alltag aussehen wird, denn nach dem Studium folgt nun mal das Arbeitsleben.

Wieso bist Du in Deiner Heimat geblieben?

Hm… Also ich würde sagen, weil es praktischer ist. Ich hatte auch ein Angebot aus Hamburg und ein Vorstellungsgespräch in Berlin, aber ich hatte mich auch schon fest für mein Unternehmen in dem ich jetzt arbeite entschieden, da hatte der persönliche Aspekt für mich mehr Priorität als das Fernweh. Klar ich möchte unbedingt mal woanders hin, aber es gibt eben auch Viel was mich hier hält. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mir erhoffe durch mein weltweit vertretenes Unternehmen später die Möglichkeit zu haben, irgendwo in einer anderen Geschäftsstelle zu arbeiten. Unsere Niederlassungen in Asien, aber auch in Frankreich oder Großbritannien reizen mich total.

Hattest Du Erwartungen und haben sie sich erfüllt? Gab es besonders positive Erfahrungen?

Ich muss zugeben, ich hatte zu Anfang der Ausbildung nicht wirklich Erwartungen, weil ich mir unter dem Beruf praktisch Nichts vorstellen konnte.
Allerdings konnte ich eine Erwartung mit einer positiven Erfahrung verbinden. Das betrifft die Kollegen. Ich hatte tatsächlich die Erwartung in einem kaufmännischen Beruf eine unheimlich angespannte, unpersönliche und spießige Arbeitsatmosphäre vorzufinden. Ich hatte jedoch das Glück in einem Unternehmen zu landen, in dem es einen total entspannten und angenehmen Umgang unter den Kollegen gibt. In den meisten Fällen wird einem sofort das “Du” angeboten und dadurch herrscht eine tolle Stimmung am Arbeitsplatz. Ich glaube in einem Unternehmen in dem ich jeden um mich herum siezen müsste, könnte ich mich überhaupt nicht richtig entspannen.

Positive Erfahrung kann ich auch auf die Arbeit beziehen, die macht mir nämlich tatsächlich total Spaß. Es ist sehr abwechslungsreich und ich kann es jedem empfehlen der sich für Organisationsarbeit interessiert.

Dazu kommt noch, dass wir in unserer Ausbildung sehr gut vom Unternehmen unterstützt werden. Wir haben hier Ausbilder als Ansprechpartner zu denen man auch jederzeit mit neuen Ideen und Vorschlägen kommen kann. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel mit einer Kollegin eine Bollerwagentour für alle unsere Azubis organisiert, damit man sich außerhalb des Büros kennen lernt und es war ein großer Erfolg. Wir hatten viel Spaß und mein Unternehmen hat die Tour komplett gesponsert, sodass für keinen von uns zusätzliche Kosten entstanden. Jetzt begegnen sich die Azubis der Firma nicht mehr als Fremde, sondern machen als Freunde auch mal alle zusammen Pause.

Würdest Du rückblickend genau das Gleiche machen?

Ja auf jeden Fall. Natürlich ist man nicht jeden Tag zum Arbeiten motiviert, aber ich hab etwas gefunden was mir Spaß macht und in dem ich gut bin und etwas leisten kann. Zum Ende des Tages Ergebnisse Deines Schaffens zu haben, gibt einem einfach ein großartiges Gefühl. Es ist nicht zu vergleichen mit gute Noten schreiben. Dein Handeln bewirkt jetzt etwas, Du übernimmst Verantwortung, das gibt Dir ein total sicheres und großartiges Gefühl.

Wenn ich so darüber nachdenke, würde ich nur eine Sache ändern wenn ich zurückgehen könnte: Ganz ehrlich (lacht) ich würde mir bei den Bewerbungen viel mehr Mühe geben! Du glaubst mir nicht in wie vielen Tests und Vorstellungsgesprächen ich saß, bis ich das gefunden habe was zu mir passt.

Heute würde ich auch gezielter die Unternehmen suchen und mich mehr auf die Tests vorbereiten. Was da gefragt wird ist zwar auch Allgemeinwissen, aber gerade in Mathe sind das Aufgaben die man seit der 5. Klasse nicht mehr gemacht hat. Da wird man zugegebener Weise mal im Abitur nicht wirklich drauf vorbereitet.

Aber ich habe die Bewerbungen auch nicht ernst genug genommen, bis ich gemerkt habe wie schwer es ist ein Unternehmen zu finden, das Du gut findest und dass Dich auch auswählt.

 

Und nun? Wagen wir mal einen Ausblick in die Zukunft. Lena wird in zwei Jahren mit ihrer Ausbildung fertig sein. Vielleicht wird sie übernommen, aber auch ein Studium – eventuell im Ausland – wäre eine Option. Sofies Bachelorstudiengang dauert insgesamt vier Jahre – sie hat noch drei Jahre, einige Auslandsaufenhalte und Praktika vor sich. Und Tamy? Sie beginnt nun den Studiengang “Internationale Kommunikation und Übersetzten”, wo sie im Endeffekt landen will steht für sie noch nicht fest.

 

 

1 Kommentare

  1. Greta sagt

    Toll geschrieben! Ich glaube, Du hast wirklich gut zusammengefasst, wie es den Dreien auf Ihren (unterschiedlichen) Wegen ergangen ist. Hoffentlich ist es auch eine Hilfe für andere, nachdem Sie einen knappen Überblick über verschiedene Möglichkeiten bekommen haben.

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