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Ein Abend mit dem Herrn, der sich mit einem Knall verabschiedete

Eine Herde Schafe, eine Kuh, Hühner, ein Hund und dazu noch ein Bär – quasi ein ganzer Bauernhof. Ich wache auf und bin verwirrt. „Was möchte mir mein Unterbewusstsein denn damit sagen?“. Vielleicht ist es eine Vorwarnung, dass ich verrückt werde – oder sollte ich die Tiere mal in einem Traumdeutungslexikon nachschlagen (sprich „Traumdeutung Tiere“ googeln)? Ich gehe die Tiere noch mal durch: Schafe, Kühe, Hühner, Hund, Pferd und automatisch fallen mir auch noch weitere Tiere ein: Schnecken, Seeigel, Skorpion, Motte, Ameisen. Jetzt erkenne ich ein Muster, ganz klar es gibt einen logischen Grund für diesen Traum. Ich habe zu viel Zeit mit einer Gruppe verbracht, genauer einem bestimmten Herrn aus dieser Gruppe. Ein Herr in dessen Filmen es von Tieren nur so wimmelt, so dass allein darüber eine Doktorarbeit verfasst werden könnte. Luis Bunuel – Regisseur und Surrealist – ein halbes Jahr habe ich jede Woche einen seiner Filme gesehen und in zwei Wochen würde ich zwei Klausuren über jene Filme schreiben. Sechs Monate waren Bunuel und die Surrealisten für mich so selbstverständlich wie das Zähne putzen.

Jetzt einen Monat später bin ich entsurrealisiert, aber nicht hunderprozentig – es ist kein Zufall, dass dieser Artikel mit einem Traum beginnt – und ich bin froh darüber. Denn so ist mir bewusst, dass etwas fehlt. Etwas das ich mit den Surrealisten und speziell Bunuels Filmen für mich zur Selbstverständlichkeit wurde, heute aber tatsächlich schwer zu finden ist.

Die Surrealisten waren eine künstlerische als auch politische Bewegung. Mit ihrer Formsprache und einem gesellschaftlichen sowie politischen Anspruch wollten sie die bürgerliche Kultur aufmischen. Gesellschaftliche Konventionen zeigten sie als lächerlich und absurd, die Kirche als verlogen. Normen und Moral der Gesellschaft provozierte und brach man. Eine Schafherde hält sich im Salon auf und keinen stört es oder ein Mann hat einen Zylinder und einen Stein auf dem Kopf. Absurde zusammenhangslose Bilder, aber sie verweisen auf etwas – man muss es nur entschlüsseln. Die Bilder provozieren, um einen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Sie zeigen Zweifel an der kommunzierten Welt und rufen zur Wendung an das rational Verdrängte wie dem Traum, der Phantasie und Psychoanalyse auf. Bunuel als einer der zentralen Köpfe des Surrealismus brachte die Botschaft  in „Das Goldene Zeitalter“ auf den Punkt – lasst uns in ein neues Zeitalter aufbrechen. In ein Goldenes Zeitalter – wie es die friedliche Urphase der Menschheit war, ein Idealzustand, bevor die Zivilisation ihn zerstörte, eine Rückkehr zum Ursprünglichen.

Ob nun die Auflösung der Grenzen von Traum und Realität oder, dass die Surrealisten sich gerne mal geprügelt haben, wie jede Bewegung können auch die Surrealisten kristisiert werden. Wir sind nie in das Goldene Zeitalter zurückgekehrt. Man mag geteilter Meinung darüber sein, ob wir das sollten – oder, ob die gesellschaftlichen Konventionen uns an der Rückkehr hindern. Bedeutend ist, dass die Surrealisten etwas in die Welt brachten, was ihr an einem Zeitpunkt fehlte und vielleicht auch wieder abhandengekommen ist. Es mag eine Provokation bis ans Limit sein, Jesus wie in „Das Goldene Zeitalter“ als Sadisten und Mörder darzustellen. Aber hinter dieser Provokation steckte der Glaube an einen Gedanken – etwas tiefergehendes. Auch heute finden wir Schock und Provokation, wenn Miley Cyrus nackt an einer Abrissbirne hängt. Aber das ist nicht damit zu vergleichen, es ist nicht tiefgründig und dahinter steckt keine Idee – es ist nur cleveres Marketing. Wo finden wir noch wirklich Provokation, die nicht nur in erster Linie provozieren will, sondern uns auch auf eine zweite Ebene führt. Eine Ebene, die nicht auf den ersten Blick linear entschlüsselt werden kann und dann abgehakt wird. Die fragt, warum von einem Seeigel zu einer Achselbehaarung überblendet wird. Einen neuen Kontext aufzeigt und auch wirklich etwas neues ersucht.

Vielleicht haben Bunuel und sein Trupp in den letzten Monaten etwas zu viel Einfluss auf mich gehabt und ich habe letzendlich doch einen leichten psychischen Knacks bekommen. Möglicherweise sehe ich zu oft falsche Moral und Fetischismus (Stichwort Psychoanalyse), wo sie gar nicht sind. Tiere werden für mich nie mehr nur Tiere sein. Aber das nehme ich gerne mit, denn ich kenne jetzt dieses Gefühl – dass etwas absurd ist, weil es etwas verändern will. Womöglich  sollte eine Herde Schafe mal durch einen Bürokomplex laufen oder ein Mann mit Zylinder und Stein auf dem Kopf uns im Fahrstuhl begrüßen.

Für jeden könnte es sich lohnen, mal einen Abend mit diesem Herrn zu verbringen (ihr findet seine Filme z.T. sogar bei Youtube) – allein schon, weil er sich in seinem letzten Film 1977 wortwörtlich mit einem Knall von der Leinwand verabschiedete.

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