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EASE THE WAY – Idomeni – 3 Eindrücke/impressions

Sinah

ENGLISH BELOW!

Es wird immer wärmer, je näher wir uns unserem Ziel nähern, die Temperaturanzeige im Auto steigt schließlich auf 22 Grad. Alles scheint sehr ruhig. Dann sehen wir eine Gruppe Menschen am Straßenrand entlang laufen. Sie tragen große Taschen mit sich, haben ihre Shirts teilweise um den Kopf gewickelt als Schutz vor der heute recht starken Sonne. Es sind Frauen und Kinder dabei, anscheinend mehrere Familien. Je weiter wir in Richtung Polykastro fahren, desto mehr Menschen begegnen uns. Sie sind überall. Vor allem am Straßenrand, auch an gefährlichen Straßenabschnitten wo die Autos mit hoher Geschwindigkeit nah an ihnen vorbeirasen. An Tankstellen. Auf Wiesen, unter Bäumen. Es ist unwirklich.
In Polykastro suchen wir nach dem Haus, in dem wir uns mit der Gruppe von aiddeliverymission treffen möchten um ihnen heute bei ihrer Mission zu helfen: 8000 (!) Menschen in Idomeni mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Bis 16:30 Uhr soll das Essen fertig sein, dann ausgeliefert und auch selbst ausgeteilt werden. Das Haus ist leicht zu erkennen: Viele Kisten stehen davor, Wäsche hängt an langen Leinen in der Sonne, auf dem Balkon schlafen zwei, drei erschöpfte Volontäre in Schlafsäcken auf dem Boden. Aus dem Garten kommt laute Musik. Als wir um die Ecke biegen, bietet sich uns ein faszinierender Anblick. Ungefähr 20 Menschen arbeiten hier in unterschiedlichen Ecken des Gartens. Einige rühren mit riesigen Holzlöffeln in mehreren überdimensionierten Suppentöpfen. Weil es so anstrengend ist, wechseln sie sich ab. Andere sitzen in Gruppen um Wannen mit Kartoffeln und schrubben sie mit groben Handbürsten. An mehreren langen Tischen stehen junge Frauen und Männer und schneiden Berge von Möhren, Ingwer und Zwiebeln klein. Es gibt eine Ecke mit Bottichen voll Spülwasser und einem Wasserschlauch für das schmutzige Geschirr, dort wird ohne Ende gespült. Und im ganzen Garten riecht es nach dem Essen, was heute Abend nach Idomeni gebracht werden soll. Wir werden sehr freundlich empfangen und uns wird versichert dass jede helfende Hand momentan dringender denn je gebraucht wird.
Den Rest des Tages helfen wir überall, wo Hilfe gebraucht wird. Die Aufgaben wechseln durch, jeder macht bei allem einmal mit, so wie er will oder es benötigt wird. Alle arbeiten in T-Shirt, manche auch ohne, weil es so warm ist. Jemand fragt nach Sonnencreme. Viele sind barfuß. Es herrscht buntes Treiben überall und vor allem: gute Laune. Vielleicht liegt das auch an der Sonne. Aber bestimmt vor allem daran, dass bisher alles so läuft wie geplant und sich all die harte Arbeit am Ende lohnen wird. Die Leute die schon öfter bei der Essensausgabe dabei waren, sagen uns, dass die Reaktion und Dankbarkeit der Leute für allen Aufwand und alle Mühe zehnfach entschädigt.

Als später die Suppe in mehreren Lieferwagen in Richtung Idomeni gefahren wird, sind wir unter den Leuten die das Essen mit austeilen werden. Und sind schon ziemlich aufgeregt. In einer Besprechung vor der Abfahrt war rauszuhören, dass bei der Organisation der Essensausgabe Vorsicht geboten ist. Helfer müssen dafür sorgen, dass sich Frauen und Kinder in der einen, Männer in der anderen Schlange anstellen, sich niemand vordrängelt, kein Chaos ausbricht. Es gibt feste Regeln, wie alles ablaufen soll.
Dann fahren wir mit den Wagen auf das Gelände, wo die tausende von Flüchtlingen seit Tagen festsitzen und ihre Zelte aufgeschlagen haben (wenn sie das Glück haben, eins zu besitzen), das Gelände was wir in den Nachrichten und Zeitungen der vergangenen Tage schon oft gesehen haben. Es wirkt- auch wenn das makaber klingen mag- wie ein großes Festivalgelände. Überall sind Menschen unterwegs, es ist laut, bunt, voll.
Schnell versammeln sich einige Menschen in der Nähe der Wagen, die schon auf den Beginn der Essensausgabe zu warten scheinen. Erst wird alles aufgebaut, Tische, Töpfe, kistenweise Plastikgeschirr. Dann geht es los. Ich schaue mich um und ergreife dann kurzerhand die Suppenkelle, die noch frei ist. Die nächsten Stunden bin ich damit beschäftigt, die Suppe in Plastikbecher zu füllen und auf den Tisch vor mir zu stellen. Zwei syrische Kinder und mehrere Erwachsene helfen uns allen bei der Arbeit. Sie scheinen das regelmäßig zu machen. Eines der Kinder, Hamza, steckt in jeden der Becher einen Löffel und gibt ihn weiter an den Tisch der Helfer, die das Essen an die Menschen ausgeben. Er scheint großen Spaß dabei zu haben. Die erste Zeit hocke ich neben dem riesigen Suppentopf auf dem Boden, zusammen mit einer Helferin aus Spanien. Dann bringt mir einer der Jungen aus dem Lager etwas zum sitzen. Ich habe vergessen, ihn nach seinem Namen zu fragen. Ein kleines Mädchen gibt uns die Becher an. Jeder will hier helfen. Die Schlange vor dem Ausgabetisch scheint nicht zu enden, aber alles läuft schnell ab, und die Leute freuen sich sehr über das Essen. Es fühlt sich gut an, Teil dieser Gruppe zu sein, und Teil dieser Arbeit. Ich bewundere die Helfer und ihr Projekt immer mehr, und bin tief beeindruckt davon, wie sie alles auf die Beine gestellt haben. Was wäre, wenn sie nicht wären? Eine der Helferinnen ist schon seit über einem Monat dabei. Sie hat mir erzählt, dass sie schon mehrmals geplant hat, weiterzuziehen. Aber sie konnte sich einfach nicht losmachen, weil sie weiter gebraucht wurde, „einfach nicht gehen konnte“. Einmal war sie sogar schon ein paar Tage in einer anderen Stadt. Aber dann ist sie doch wieder zurückgekehrt. Wenn sie davon erzählt, klingt sie nicht, als würde sie das bedauern. Auch wenn die Arbeitstage sehr lang und oft hart sind.
Schließlich ist alles Essen verteilt. Die Schlange hat tatsächlich geendet, bevor das Essen aufgebraucht war. Alle applaudieren. 8000 Menschen wurden heute Abend versorgt. Es ist unglaublich, aber wahr.

It’s getting warmer and warmer as we approach our destination. The car’s thermometer finally reaches a lovely 22 degrees. Everything seems calm. Then we see a group of people walking on the side of the road. They’re carrying huge bags and have their t-shirts wraped around their heads as protection from the day’s relatively warm sun. Women and kids are amongst them – apparently whole families. The closer we get to Polycastro, the more people we encounter. They’re everywhere. Mainly on the side of the road, even in dangerous areas where cars pass them closely with high speed. At gas stations, on the fields, under trees. It seems unreal.
In Polycastro we’re looking for the house of the volunteer group „aiddeliverymision“ we want to join in their mission for the day: to supply 8000 (!) people in Idomeni with a warm meal. The food is supposed to be ready at 16:30 and delivered to camp afterwards. The house is easy to spot: lots of boxes are infront, laundry on long lines in the sun, two or three exhausted volunteers are sleeping on the balcony. Loud music is coming the garden. We encounter a fascinating scene as we go around the corner. Roughly 20 people are working in different parts of the garden. Some are stiring in massive pots with huge wooden spoons. They are changing roles because it’s rather heaving work. Others are sitting around tubs scrubbing potatos „the old-fashioned way“. Young men and women are cutting incredible amounts of carrots, ginger and onions on some tables. There is a corner with tubs and hoses for cleaning. The whole garden smells like food. We’re received warmly and assured that every helping hand is needed more urgently than ever.
The rest of the day we’re helping whereever help is needed. The task change all the time. Everyone helps where he or she wants or where it’s needed. Everybody’s working in t-shirts, some even without, because of the nice weather. Someone asks for sunscreen. Many are barefooted. It’s busy everywhere and the general mood is warm and positive – maybe due to the sun. Probably mostly because everything is going as planned and because people know that the efforts will be worth it in the end. People who’ve been to the camp already tell us that the people’s gratitude will pay back the efforts tenfold.
As we head to the camp with the soup we find ourselves amongst the people who will distribute the food amongst the refugees and are pretty excited already. From the coordinating meeting before we gathered that things could become really chaotic. The helpers have to make sure that men and women and children are cueing properly and seperately, that nobody skips the line and everyone stays calm. There are fixed rules of procedure.
Then we enter the area where thousands of refugees who have been stranded for days have put up camp (incase they are lucky enough to own one, in tents) – the area we have seen on the news and read about again and again during the past days and weeks. As morbid as it might be, it seems like a huge festival area. There are people everywhere. It is loud, full and colorful.
Quickly a crowd that seems to be waiting for food gathers around the cars. But first everything is set up properly: tables, pots, boxes of plastic cutlery. Then is begins. I look around and quickly grab a free spoon. For the next hours I’m busy filling countless plastic cups with soup and putting them on the table in front of me. Two Syrian kids and several adults are helping us. Hamza, one of the kids, puts spoons into each of the full cups and passes them on to the table for the other volunteers to distribute them. He seems to be really happy at work. At the beginning I’m sitting on the ground next to the pot together with a Spanish volunteer. Then one of the boys from the camp brings me something to sit on. A little girl hands us fresh cups. Everyone wants to help. The cue doesn’T seem to end but it’s going smoothly and the people are very happy about the food. It feels great to be part of this group and part o this job. I admire the helpers and their project more and more and I’m deeply impressed by what they created from scratch. What if they weren’t here? One of the volunteers who’s been here for more than a month told me that she planned to leave several times already but ended up coming back before even leaving the country. She just couldn’t bring herself to leave when the group and the refugees in Idomeni needed her help. She „just couldn’t go“. Once she’d already gone to another town for a number of days. She didn’t sound like she regretted it even though the days are long and often hard.
Finally all the food is distributed. The cue actually ended short before we ran out of soup. Everyone applauds. 8000 people were actually catered for tonight. It’s incredible but true.
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1

Fethullah

ENGLISH BELOW!

Bereits nach wenigen Minuten nach dem Grenzübergang zu Griechenland begegnen uns die ersten Flüchtenden am Straßenrand und an Tankstellen. Idomeni ist nicht weit entfernt. Vielen Menschen sieht man die Erschöpfung und Frustration an, da die Grenze seit einigen Tagen geschlossen ist. Am Nachmittag erreichen wir das Camp – mehrere Kilometer lang – welches bereits von der Ferne zu sehen ist, zu dem eine kleine Landstraße führt und das bereits am Eingang von zwei Polizeiwagen bewacht wird. Während unserer Fahrt auf das Gelände kommen uns Menschen entgegen, die das Camp verlassen und mit großer Sicherheit ihre Chance über die grüne Grenze versuchen werden. Das Camp ist mehr als überfüllt. Einige campieren sogar neben den Bahngleisen. Unzählige Zelte sind neben den großen Zelten, sowohl vor dem Camp auf Feldern, als auch auf dem Campgelände selbst aufgeschlagen, welches für jede Person offen zugänglich ist. Weder Afghanen noch Syrer oder Iraker werden durchgelassen. Noch scheinen die meisten fest daran zu glauben, dass die Grenze wieder bald geöffnet wird. Die Polizei sichert lediglich eine Seite der Schienen, die nach Mazedonien führen und sorgt für einen reibungslosen Güterverkehr und kontrolliert, dass keine Menschen auf die Züge steigen. Ausnahmslos jede Person mit dem ich kurz die Gelegenheit hatte zu sprechen, möchte entweder nach Österreich oder Deutschland. Während der Essensausgabe helfen uns Kinder, wie Hamza, der mit seinen Eltern aus Syrien geflohen ist, schätzungsweise 8 Jahre alt und trotz der angespannten Situation vor Ort noch lachen kann und uns bis zum Schluss energisch mithilft. Verteilt haben wir gemeinsam mit dem Team „Aid Delivery Mission“ schätzungsweise innerhalb weniger Stunden 8000 Becher Gemüsesuppe mit Karotten, Kartoffeln, Ingwer, Zwiebeln und Reis, die die Leute dankend annahmen. In solchen Momenten merkt man erst, was die ganze Arbeit im Volunteerhaus in Vorbereitung auf die Essensausgabe eigentlich Wert ist. Ansonsten herrschte meinem persönlichem Empfinden nach, trotz des Gerüchtes am Tag zuvor, dass die Grenze wieder auf sei und die Polizei bei der Zurückhaltung der Flüchtenden zu Tränengas griff, eine „normale“ und friedliche Atmosphäre in der die Menschen darauf warten und hoffen, dass die Grenze endlich wieder geöffnet wird.

Just a few minutes behind the Greek-Macedonian border we encounter the first fleeing people at the side of the road and at gas stations. Idomeni isn’t far. One can see the frustration and exhaustion on some people’s faces as the borders are closed for several days. In the afternoon we reach the camp which is several kilometres and visible from some distance. It is accessable by a small road which is guarded by the police. The camp is absolutely overcrowded. Some people are actually camping near the train tracks that go through it. Countless tents are put up next to the big official tents of the original camp – on the fields and in the camp itself. At the moment the camp is open to everyone without much of problem. Yet the border is closed, for Afghanis as well as Syrians and Iraqis. Currently most people seems to be confident of the border opening again shortly. The police is only securing one side of the tracks which lead to Macedonia and safeguard train traffic through the camp without people jumping on. Without exceptions everyone I talked to either wanted to go to Germany or Austria. Kids, like Hamza who is about 8 years old and fled from Syria with his parents, helped us distributing the food amongst the refugees. Despite the situation in the camp he is smiling most of the time and helping energetically until the end. We distributed vegetable soup comprised of carrots, potatos, onions, ginger and rice in roughly 8000 cups to as many thankful persons. These are the moments when one realizes the true value of the prep-work at the volunteer-house. Apart from that, personally I experienced the atmosphere as peaceful and positive despite yesterday’s riots and clashed with police after rumours had spread that the borders were open again. People were waiting and hoping for the borders to be finally opened again

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3

Jannis

ENGLISH BELOW!

So absurd es klingen mag, als wir im Camp in Idomeni ankamen musste ich irgendwie an die Quidditch-Weltmeisterschaft aus „Harry Potter“ denken. Chaotisch aufgestellte bunte Zelte – überall – und zahllose Menschen, die dazwischen in alle Richtungen herum wuseln. In „Harry Potter“ sind die Zelte innen magisch größer als es scheint und können problemlos Großfamilien beherbergen. In der realen Welt bleibt den zahllosen geflüchteten Menschen dieses Phänomen verwehrt. Dennoch sieht man in nahezu jedem Dreipersonenzelt 5, 6 oder mehr Menschen.

Die Stimmung ist trotzdem fast unwirklich „normal“. Es scheint als hätten sich Viele mit dem Zustand, der eigentlich nur für kurze Zeit vorgesehen war arrangiert. Nur die hunderte mit Graffiti besprühten Zelte zeugen offen von der Verzweiflung. „Open the borders!“ „Help us!“ ist dort zu lesen. Als ich das Ausmaß der humanitären Katastrophe sehe, fühle ich mich wütend und hilflos. Am Ende werden trotzdem die positiven Eindrücke überwiegen.

Als wir ankommen, werden wir sofort von zahlreichen Menschen im Camp unterstützt: beim Errichten der Essenausgabe, beim Verteilen der Suppe, beim Übersetzen und bei dem komplizierten Unterfangen das Ganze möglichst geordnet ablaufen zu lassen.

Ich war die meiste Zeit damit beschäftigt die bereits gefüllten Becher an die Geflüchteten zu verteilen. Die Menschen sind dankbar für das Essen, dafür etwas zu tun zu haben. Die Dankbarkeit ist deutlich zu spüren – in den kurzen Gesprächen, in den Gesichtern, in der allgemeinen Atmosphäre. Trotz der oftmals vorhandenen Sprachbarriere herrscht ein Gefühl der Verbundenheit. Als das Essen ausgegeben ist wird arabische Musik aufgelegt, Menschen tanzen, singen, lächeln.

Es sind diese Eindrücke, die mir trotz der schrecklichen festgefahrenen Situation, Kraft geben und mir Hoffnung machen. Hoffnung auf eine menschenwürdige Lösung. Hoffnung darauf, dass es besser werden möge.

As absurd as it may sound, as we arrived at the Idomeni camp I somehow had to think of the Quidditsch World Cup from „Harry Potter“. Chaotically put up tents of all colours everywhere and countless people swarming around aimlessly inbetween. In „Harry Potter“ the tents are magically bigger than they look like and can easily fit extended families. In the real world the phenomenon unfortunately isn’t part of the refugee’s story. Still in basically every three-persons-tent one comes across one can see 5,6 or more people.

Yet the atmosphere is surreally „normal“. It seems as if many have made their peace with the situation that was originally meant to be of short duration. Only the houndreds of graffiti sprayed tents show an open sign of desperation. „Open the borders“ „Help us!“ one can read hundred-fold. As I see the extent of this humanitarian desaster I feel angry and helpless. Yet in the end the positive impressions will last.

As we arrive we are immediately supported by a number of from the camp: with putting up or stuff for food distribution, with distributing the soup and with organizing the cue which is the most tricky part.

Most of the time I was busy handing out cups of soup to people waiting in the line. The people were very gratefuk for their meals and those helping us for having something to do. One can almost feel the gratitud – in the small conversations, on the faces, in the general atmosphere. Despite the often existing language-barrier there is a sence of connectedness in the air. After the food is handed out somebody puts up Arabic music, people are singing, dancing, smiling.

It’s these positive impressions that give me new energy and hope despite the deadlocked situation. Hope for a humane solution. Hope for things to get better.

 

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