RAINY MONDAY
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Die andere Seite des Todes (1)

UNFALL

Er saß im Auto, seine Schwester auf dem Beifahrersitz mit irgendeinem Freund, und von hinten erklangen die angeheiterten Stimmen von seinen drei Studienfreunden. Er selbst fühlte sich seltsam benebelt, die Bierflasche lag ihm locker in der Hand, die andere Hand lag am Steuer und fühlte sich taub an. Die Lichter vorbeifahrender Autos erleuchteten das Innere des Wagens, und seine Schwester begann heiser zu lachen, während sie ihren Freund eng umschlang.
„Schneller, schneller!“, rief ihm Tim von hinten zu und verschütte versehentlich sein Bier. Er drückte auf das Gaspedal und der Wagen machte einen Satz nach vorne. Danach ging alles ganz schnell: Wie aus dem Nichts erschien eine Straßenabsperrung, und der Wagen flog einige Meter weit, überschlug sich und traf dann hart einen Baum. Er wurde herumgewirbelt, und sein Kopf schlug gegen die Scheibe. Seine Schwester kreischte, und er hob benommen den Kopf. Alles war verschwommen, er konnte kaum klar denken. Sein ganzer Körper schmerzte. Er versuchte, sich aufzusetzen, und trotz der Schmerzen gelang es. Dann blickte er zu seiner Schwester hinüber. Mit einem Mal sah er wieder klar, und was er sah, war schrecklich.
Mit weit aufgerissenen Augen erwachte Ryan Melborn, kalter Schweiß bedeckte seinen Körper. „Mein Bruder leidet auch unter Flugangst, wissen Sie“, sagte die Frau neben ihm mitfühlend, „so etwas muss wirklich schrecklich sein.“ Oh ja, dachte Ryan, doch er sah immer noch seine blutüberströmte Schwester vor sich, ihren aufgeplatzten Schädel und das viele Blut, dass auf den Boden des Wagens tropfte. Ihm war übel. Er nickte der Frau zu und sah dann aus dem Fenster. Das Flugzeug hatte bereits zu sinken begonnen, und sie hatten die Wolkendecke fast wieder durchstoßen. „Was wollen Sie auf der Insel?“ fragte die Frau und er wandte sich wieder vom Fenster ab. Sie hatte den Kopf schief gelegt und spielte mit einer Strähne ihres blonden Haars.
„Ich besuche dort einen alten Freund.“, sagte er wahrheitsgemäß.
„Oh, das kenne ich. Ich besuche dort meine Schwester Marie. Ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.“ Bei dem Wort Schwester zuckte Ryan innerlich zusammen, seine Hand verkrampfte sich an seinem Gurt. „Ich wohne im Golden Park, direkt an der Südküste. Wenn sie Lust haben, könnten wie einmal etwas… essen gehen.“ Sie zwinkerte ihm zu, dann nahm sie einen Zettel, kritzelte schnell etwas darauf und gab ihn ihm. „Meine Handynummer. Ich heiße übrigens Emily.“ Sie lächelte ihm freundlich zu.
„Ich bin Ryan. Ryan Melborn.“ Er reichte ihr die Hand, und plötzlich ertönte die Landedurchsage des Piloten. Grey Island war keine große Insel. Lediglich drei Städte waren auf der Insel gegründet worden, und soviel Ryan wusste, verdienten sich die meisten Einwohner ihr Geld mit der Fischindustrie. Er selbst war noch nie auf dieser Insel gewesen, allerdings hatte Elias, der Mann, den er dort besuchte, ihm einiges über die Insel berichtet, und zusätzlich hatte er sich im Internet über sie informiert. Ein Jahr oder vielleicht länger, vielleicht kann ich mir dort eine Pause gönnen oder ein neues Leben anfangen, dachte er. In letzter Zeit waren die Alpträume immer schlimmer geworden, sodass er Elias angerufen hatte. Dieser war kurz nach dem Unfall (Ryans Hand verkrampfte sich erneut) auf die Insel gezogen, und er hatte Ryan am Telefon vorgeschlagen, dasselbe zu tun.
Ryan hatte sich als Koch eines Fünf-Sterne-Restaurants genug Geld verdient, um sich eine Auszeit zu nehmen, und er hatte vor, auf Grey Island einen ähnlichen Job auszuüben. Soweit er wusste, gab es dort viele Hotels, und eins von ihnen würde sicher zum Saisonbeginn neue Mitarbeiter brauchen. Doch seine größte Hoffnung war es, die Alpträume zu verlieren und endlich wieder ruhig schlafen zu können.

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