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Die andere Seite des Todes (9)- Der Brunnen

brunnen

Der Wagen wirbelte die gelben und roten Blätter der hohen Eichen und Ahornbäume auf und zog wie der Schweif einer Sternschnuppe hinter ihnen her. Ryan musterte interessiert den Wald. Als Kind konnte man hier bestimmt hervorragend Verstecken spielen. Emily folgte seinem Blick. “Das ist der Rote Wald”, erklärte sie, “Der Name klingt zwar nicht sehr besonders, aber er stammt noch aus dem Mittelalter. Es gab einige Namensvorschläge in den letzten zwanzig Jahren, allerdings wurden die immer wieder abgelehnt, da man den ‘alten Anstrich’, wie Lukas Tarp und der Rest des Stadtrates es nennen, bewahren möchte.”
Ryan hob überrascht die Augenbrauen. “Ich finde den Namen gut. Besonders im Herbst passt er doch zu dem Wald, oder nicht?”
“Nun ja, das schon, allerdings… tja, Blätter sind nicht das Einzige, was sich rot färben kann.” Emily biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte den Blick wieder auf die Straße gerichtet, doch Ryan konnte erkennen, dass sie gerade an etwas Unangenehmes dachte. Meint sie Blut? Dann ist in diesem Wald vielleicht ein Mord passiert, überlegte Ryan. Aber wenn das so war, wieso hatte er dann bei seinen Recherchen über die Insel nichts von einem solchen Vorfall gelesen? Sicher, man hatte Skelette aus allen möglichen Zeitepochen auf der Insel gefunden, ein Mord wurde jedoch nie explizit erwähnt- schon gar nicht ein Mord in der heutigen Zeit und auf dieser Insel, dessen war sich Ryan sicher.
“Wer wurde hier umgebracht?”, fragte Ryan geradheraus.
Emily zuckte zusammen. “Umgebracht? Wie kommst du darauf?”
“Mir fällt kein anderer Grund ein, einen Wald sonst als Roten Wald zu bezeichnen. Oder hat ihr früher eine Schlacht stattgefunden?”
“Das auch,”, begann Emily und warf Ryan einen nachdenklichen Blick zu. “Hier… hier geschah nicht nur ein Mord.” Sie zeigte aus dem Fenster und auf einen Brunnen, an dem sie gerade vorbei fuhren. “Dieser Brunnen ist nur ein Teil von einer zerstörten Stadt, die hier einmal lag. Es gibt eine Legende über sie.”
“Hat diese Legende etwas mit den Morden zu tun?”, fragte Ryan und erinnerte sich an einige wenige Erwähnungen einer zerstörten Stadt auf Grey Island in seinem Reiseführer.
“Um ehrlich zu sein, ich glaube dass zwischen den Morden und dieser Legende eine Verbindung besteht. Auch wenn es eine sehr alte Legende ist.”
“Was erzählt diese Legende denn?” Ein Wald, so rot wie Blut, eine Legende, eine zerstörte Stadt… nun, immerhin lenkt mich das ab von…, dachte Ryan, doch Emily unterbrach seine Gedanken.
“Sie handelt von einem Mädchen, dass einst an den Strand gespült wurde. Die Dörfler fanden sie, päppelten sie auf und machten sie zu einem vollwertigen Mitglied ihrer Gemeinde.” Emily warf Ryan einen kurzen Blick zu, dann erzählte sie weiter. Ihr Blick war so nachdenklich, dass sich Ryan die Nackenhärchen aufstellten. Sie glaubt also daran, dass diese Geschichte etwas mit den Morden zu tun hat… es scheint ihr Sorge zu machen.
“Kurz nach ihrem elften Geburtstag wurde sie von der Bäckerin der Gemeinde aufgenommen und begann ihre Ausbildung. Nachdem die Bäckerin jedoch verstarb, übernahm sie die Bäckerei und belieferte jeden im Dorf mit Brot und allerlei Köstlichkeiten.”
“Was geschah dann? irgendetwas muss passiert sein, wenn diese Geschichte doch mit den Morden in Verbindung steht.”, fragte Ryan. Sein Gefühl sagte ihm, dass die Legende kein gutes Ende hatte.
“Eines Tages starb erst ein Bewohner, dann der nächste und schließlich hatte die Gemeinde sieben Bewohner zu beerdigen. Die Dorfheilerin entdeckte, dass es sich um so etwas wie eine Lebensmittelvergiftung handeln musste und verdächtigte natürlich sofort die Bäckerin. Diese versuchte zu fliehen, jedoch hatte die Dorfheilerin großen Einfluss auf die Bevölkerung, und so wurde die Bäckerin gejagt, gefesselt, und…” Emily atmete tief ein, “…in den Brunnen geworfen, wo sie ertrank- der Aberglaube verlangte, dass man eine Hexe wie sie dahin zurückbrachte, wo sie hergekommen war: aus dem Wasser.”
“Ich verstehe nicht ganz… was hat das mit den Morden in diesem Wald zu tun?”, fragte Ryan und runzelte die Stirn.
“Nun ja… eigentlich glaube ich nicht an Geister und so etwas. Um ehrlich zu sein halte ich sowas für ziemlich albern und meide Leute, die an so etwas glauben. Es wurde jedoch ein Spruch auf dem Brunnen gefunden, der aus der Zeit stammt, in der das Mädchen angeblich gestorben ist: Ein Mensch, der dir nahe stand und gestorben ist, wird dich heimsuchen und terrorisieren. Wir sollten lieber auf der Hut sein.”
Eine eiskalte Hand schloss sich um Ryan’s Herz. Irgendwoher kannte er diesen Spruch, oder etwa nicht?
“Wa- was hast du gesagt?”, fragte er, und er bemerkte, dass seine Stimme zitterte.

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