RAINY MONDAY
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Die andere Seite des Todes (8)

beerdigung

Ryan ließ seinen Blick über die Gäste schweifen, seine Finger schlugen nervös gegeneinander. Das Foto hatte er in seiner rechten Hand zerknüllt, und er hoffte, dass man ihm nicht ansah, wie mitgenommen er war.
Der Großteil der Gäste bestand aus Freunden seiner Schwester, nur ein kleiner Teil aus Verwandten. Seine Mutter hatte schon zu weinen begonnen, bevor die Trauerfeier überhaupt begonnen hatte, und so saß sie immer noch, das Gesicht in ein Taschentuch vergraben, an dem langen Tisch, sein Vater stand neben ihr und hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt. Ryan selbst war kurz nach der Nacht ihres Todes in Tränen ausgebrochen, hatte in den Spiegel geschrien, sich selbst fertig gemacht und den Spiegel am Ende mit der bloßen Faust zertrümmert. Er hatte seit ihrem Tod keinen klaren Gedanken mehr fassen können, und die Trauerfeier brachte ihm da kaum Besserung.
“Das ist also ihr Bruder, der sie in den Tod gefahren hat”, konnte er sie hinter sich tuscheln hören, sowohl Verwandte als auch Freunde seiner Schwester. Es versetzte seinem Herz einen Stich und er verzog das Gesicht, doch er wandte sich schnell von den Gästen ab und ließ sich seine Verwundbarkeit nicht anmerken. Sie haben Recht. Du warst tatsächlich Schuld. Hättest du dich nicht überreden lassen, zu fahren, wäre das alles nicht passiert. Ryan seufzte. Tim lag noch immer im lebensbedrohlichen Zustand im Krankenhaus, und außer ihm war keiner der anderen, die mit im Auto gesessen hatten, zu der Trauerfeier gekommen. Er nahm sich ein Sektglas und trank einen Schluck. Seine Hand zitterte heftig.
“Ich hoffe, du erholst dich schnell von der Trauer. Wir sind alle bei dir.” Ryan zuckte zusammen und verschluckte sich, als er auf einmal seine Tante Lina neben sich entdeckte. “Du hättest niemals fahren sollen- aber was mache ich dir eigentlich Vorwürfe, ich war ja auch mal jung.” Lina fuhr sich durch die braunen, schon an einigen Stellen grau durchsetzten Haare und grinste. “Und ebenso übermütig. Und außerdem kriegst du bestimmt oft genug zu hören, dass dieser Unfall deine Schuld war.” Sie nahm sich ein Sektglas und kippte es in einem Zug hinunter. “Aber du darfst an solchen Dingen nicht verzweifeln. Sie dich doch einmal im Spiegel an. Deine Augenringe sehen aus, als hätte sie dir jemand mit dem Messer unter die Augen geritzt.”
Ryan wandte den Blick ab und knirschte mit den Zähnen. “Ich weiß, ich weiß. Es ist einfach… ich kann nicht. Ich…” Er nahm ebenfalls einen Schluck, “kann nicht aufhören mir ihren toten Körper vorzustellen, wie sie in diesem Auto… wie sie… gestorben ist.” Er schluckte schwer. Nicht nur, dass ich sie habe sterben sehen, dachte er, ich habe ihren zerplatzten Kopf ansehen müssen, ihre leeren Augenhöhlen, ihre ausgeschlagenen Zähne. Und außerdem war ich es, der sie in den Tod gefahren hat, und alleine das ist schon genug. Ich hätte derjenige sein sollen, der bei dieser Fahrt gestorben ist, nicht sie. “Ryan, weißt du… manche Menschen, die einem nahe stehen und die gestorben sind, suchen einen als Geist auf und terrorisieren einen. Sei lieber auf der Hut.” Ryan wurde aus seinen Gedanken gerissen und wirbelte zu seiner Tante herum.
“Was?”, rief er.
“Ich habe dich gefragt, ob du nicht Kontakt zu irgendeiner Person hast, die dich ablenken könnte. Einem besten Freund zum Beispiel. Oder einer Frau.” Er blickte sie verblüfft an. “D…Du hast gerade noch etwas anderes gesagt…”, stellte er fest. “Achja? Nun, nicht, dass ich wüsste. Aber ich glaube, es liegt daran dass du immoment eine schwere Zeit durchmachst und du dir vielleicht etwas einbildest.” Sie wandte sich zum Gehen und seufzte. “Nun, dann werde ich wohl lieber mal dafür sorgen, dass sich deine Mutter nicht zu Tode heult.” Sie grinste und verschwand.
Seine Tante war schon immer so gewesen. Sie hatte sich noch nie von irgendetwas unterkriegen lassen, egal was für eine Katastrophe geschehen war. Seit ihr Mann- sein Onkel- sich von ihr getrennt hatte, schien sie sogar noch mehr an Stärke gewonnen haben, um gegen jedes Unglück dieser Welt gefasst zu sein.
Trotzdem- und normalerweise hatte er nie solche Gedanken gehabt- was sie gesagt hatte, hatte ihn schwer erschrocken. “Manche Menschen, die einem nahe stehen und die gestorben sind, suchen einen als Geist auf und terrorisieren einen. Sei lieber auf der Hut.” Ihre Stimme erklang erneut in seinem Kopf, und er bekam eine Gänsehaut. Er war sich vollkommen sicher, dass sie es gesagt hatte. Er hatte es sich nicht eingebildet.
Aber was würde passieren, wenn ihn seine Schwester tatsächlich aufsuchen würde? Würde sie sich an ihm rächen? Würde sie ihn verstehen, ihm verzeihen? Würde sie sehen, wie tief er gesunken war, seitdem sie tot war? Ryan wusste es nicht zu sagen.

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