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Die andere Seite des Todes (7)

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Der Turm, oder vielmehr das, was von ihm übrig war, bestand aus grauen Ziegeln, zwischen deren Spalten Moos und Efeu hervorlugte. „Es heißt, dass hier einst Ritter lebten,“, erklärte Emily, während sie einen einfachen Kiespfad auf den Turm zu liefen, „zumindest hat man hier ein paar Schwerter und Teile von Eisenrüstungen gefunden.“ Ryan nickte und betrachtete den Turm genauer. Wahrscheinlich war er viel zu langweilig für einen ernsthaften Geschichtsforscher, doch Ryan mochte die mysteriöse, geheimnisvolle Ausstrahlung, die von dem Turm ausging. „Kann man hinaufgehen?“, fragte Ryan, als sie kurz vor der Tür ins Innere des Turmes anhielten. „Natürlich. Die Treppe hinauf wurde jedoch jahrelang nicht mehr restauriert und ist an einigen Stellen morsch, also sollte man vorsichtig sein. Aber wenn du möchtest, können wir hinaufgehen.“, antwortete Emily und schenkte ihm ein Lächeln. Von dort oben müsste man einen großen Teil der Insel sehen können, dachte Ryan und betrat den Innenraum des Turms. Emily hatte Recht, an einigen Stellen war die Treppe tatsächlich morsch und jedes bedrohliche Knarren jagte Ryan einen Schauer über den Rücken. Obwohl Emily bei weitem öfter als er auf dieser Insel gewesen war, lief sie vorsichtiger, und Ryan konnte sie bei fast jeder Stufe scharf einatmen hören. Als sie endlich oben ankamen, stieß Ryan eine zweite Holztür auf, auf der das Zeichen eines Wolfes prangte. Sofort schlug ihm der Wind entgegen, und er nahm einen tiefen Atemzug, und der Geruch des Meeres füllte seine Lungen. Ryan trat bis an den Rand des Turmes und warf dann einen Blick hinab. Vor ihm lag der Strand und dahinter das Meer, das in stürmischen Wellen an die Küste schlug. Weiter links lag ein Tannenwald, der von kleineren Dörfern umringt wurde. Rechts von Ryan lag eine breite Hügellandschaft, in der er ebenfalls einige Dörfer erkennen konnte. „Es ist wunderschön, nicht?“, fragte Emily und gesellte sich zu ihm. „Ja, ist es. Ich wusste nicht, dass die Landschaft hier so vielfältig ist.“ Talia hätte es hier bestimmt gefallen, dachte Ryan. Er dachte daran, wie sie ihm früher immer davon erzählt hatte, dass sie wenigstens einmal nach Schottland reisen wollte, um die alten Schlösser und Burgen zu betrachten. Sicher. Dieser eine Turm war nichts im Vergleich zu einer ganzen Burg, aber Ryan konnte die Aura spüren, die von dem Turm ausging, und sie verursachte ihm eine Gänsehaut. Sein Blick glitt über das Meer, über die Wipfel der Bäume und über die grünen Hänge, die die Insel bildeten, und er rieb sich die Stirn, hoffte, dass der Wind die Gedanken an seine Schwester wenigstens für einen Moment vertreiben würde. „Woran denkst du gerade?“, fragte Emily interessiert. Frag mich doch einfach nach einem Date, dachte Ryan und biss sich auf die Unterlippe. Auch wenn er nichts für Emily empfand, würde ihm das wenigstens Ablenkung verschaffen- mehr als dieser Turm oder die Landschaft, die ihn umgab. „Ich denke an meine Schwester. Sie ist durch einen Autounfall gestorben.“, antwortete er. Und ich war schuld daran, fügte er in Gedanken hinzu. „Oh, das tut mir leid, ich wusste nicht…“, sagte Emily schnell, doch Ryan unterbrach sie. „Ist schon gut. Aber ich kriege die Gedanken an sie nicht mehr aus meinem Kopf, seit der Unfall passiert ist.“ „Dann geht es dir wahrscheinlich genauso wie mir.“, erwiderte Emily und lehnte sich neben ihm auf die Brüstung des Turms. „Ich habe dir doch erzählt, dass meine Schwester mit dem Flugzeug abgestürzt ist. Dafür konnte ich nicht direkt etwas, doch eine Nacht vor ihrem Flug hatte ich eine Art… Vision. Ich habe geträumt, dass ihr Flieger abstürzen würde, es jedoch nur als einfachen Traum angesehen. Ich hätte sie warnen können.“ Emily seufzte. „Du hattest etwas mit ihrem Tod zu tun, nicht wahr? Du wirkst ziemlich mitgenommen. Ich kenne das Gefühl, aber es hilft nicht, sich die ganze Zeit selbst fertig zu machen.“ „Ich… ich war der Fahrer. Es war eine Feier zu meinem Führerschein, und wir waren betrunken… und dann…“ Er knirschte mit den Zähnen und suchte nach den richtigen Worten. Sein Blick schweifte für einen kurzen Moment über die in Binden gehüllte Gestalt, die sich langsam auf den Turm zu bewegte. „Fehler passieren, auch große. Doch man kann nichts mehr daran ändern, nachdem sie passiert sind, und sich danach selbst runter zu machen bringt nicht viel, glaub mir.“, unterbrach Emily die Stille, und erschauderte dann. „Ich glaube, wir sollten weiter. Und ich weiß auch schon, wo wir dir die ganzen düsteren Gedanken austreiben können. Bis zu der Feier solltest du wenigstens ein bisschen von der Insel kennen lernen.“

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