RAINY MONDAY
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Die andere Seite des Todes (5)

kuechenschrank

„Hi!“, begrüßte Emily den verschlafenen Ryan am nächsten Morgen.
„Morgen.“, grummelte Ryan, doch er versuchte, so freundlich wie möglich zu klingen. Es war ein sonniger Morgen mit einigen Böen, die jedoch nicht weiter schlimm waren. Der Herbst nahte, und die Blätter an den Ahornbäumen im Golden Park färbten sich langsam rot und golden.
„Hast du dich schon gut eingelebt, oder gab es Schwierigkeiten?“, fragte Emily heiter.
„Nein, kaum. Ich hatte nur einen eher unruhigen Schlaf. Ich war schon lange nicht mehr verreist, wahrscheinlich deshalb.“ Er schenkte ihr ein kleines Lächeln und unterdrückte ein Gähnen. Doch die unruhige Nacht war nicht alles gewesen: Bevor er mit der altmodischen Stadtbahn zu Emily gefahren war, hatte er sich ein großes Frühstück zubereitet. Kochen beruhigte ihn, und es half ihm, verschiedene Dinge gründlich zu durchdenken und zu planen. Doch als er einen Schrank über der Spülmaschine geöffnet hatte, um die Gewürze zurückzustellen, war ein zerknitterter Zettel heraus gefallen. Stirnrunzelnd hatte Ryan ihn aufgehoben. Er war schon etwas vergilbt, doch die fein säuberliche Schrift konnte man immer noch hervorragend lesen.
„Sehr geehrte Mrs. Taran,
Ich hörte von dem Tod ihrer Tochter, und es tut mir schrecklich leid. Ich schicke ihnen diesen Brief von Grey Island in der Hoffnung, dass sie mir vergeben, auch wenn ich weiterhin nicht zurückkommen kann.
Auch die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott.
Ihr Jeremy Zerbulon.“
Ryan hatte den Brief noch lange in der Hand gehalten, bis schließlich das Rührei auf dem Herd zu zischen begann und er sich schleunigst daran machte, es vor dem Verbrennen zu bewahren. In dem Schrank hatten noch weitere Papiere gelegen, doch Ryan hatte sie vergessen… bis jetzt. Ich sollte sie mir nachher noch einmal anschauen, dachte er. Wer auch immer Jeremy Zerbulon gewesen war, er hatte anscheinend etwas zu verbergen. Ryan mochte es, sich über andere Menschen zu informieren, doch bei dem Gedanken an die Zettel in dem Schrank verspürte er leichtes Unbehagen, als ob ihm eine innere Stimme sagen wollte, er sollte sich nicht in diese Geheimnisse einmischen.
„Wer ist Jeremy Zerbulon?“, fragte er abrupt, ohne auf Emilys Erzählungen über den Golden Park zu achten.
Sie blickte verwirrt drein. „Ähm… Ich kenne niemanden, der so heißt… Wieso?“
Ryan warf ihr einen kurzen Blick zu. „In einem Schrank in meiner Küche lag ein Brief von ihm an eine gewisse Mrs. Taran. Ich habe mich nur gefragt…“
„Mrs. Taran, die kenne ich. Sie war diejenige, die allemöglichen Geschichten über diesen alten Turm in die Welt gesetzt hat. Die Mörderkönigin, so nennt man sie. Aber mich überrascht es, dass so ein Brief noch herumfliegt, wo sie doch vor zweihundert Jahren gestorben ist, wenn ich mich nicht irre.“
Ryan nickte. In letzter Zeit passierten ihm alle möglichen Dinge, die ihm immer mehr das Gefühl gaben, verrückt zu werden.
„So, das ist meine Wohnung.“, sagte Emily und deutete auf ein großes Haus direkt vor ihnen.
„Ein Mietshaus?“, fragte Ryan und betrachtete das Haus genauer. Es gab viele große Fenster, und direkt unter dem Dach prangte die Aufschrift „The Golden Sun- Die Sonne unserer Insel“.
„Nein, es ist ein Hotel, speziell für Stammgäste der Insel. Hier wohnen fast alle Familienangehörige von allen auf dieser Insel. So kommt die Frage über eine Bleibe gar nicht erst auf.“, antwortete Emily und schloss die Tür auf.
„Aber ihr hättet doch auch bei eurer Schwester wohnen können.“ , warf Ryan ein und folgte Emily durch die hohe Eingangstür. Sie gelangten in einen weitläufigen Empfangsbereich, in dem es auch eine Liste aller Bewohner gab, welche an der Wand hinter der Rezeption hing. Ryan erkannte, dass sich hinter jedem Namen Striche befanden.
„Nein, meine Schwester hat im Moment zu viel Arbeit, und außerdem ist ihr Verlobter vor kurzem zu ihr gezogen.“ Sie folgte Ryans Blick. „Die Striche zeigen an, wie oft jeder in diesem Hotel schon auf der Insel war.“ Als sie Ryans überraschten Blick erkannte, fuhr sie fort. „Es ist ein kleiner Wettbewerb, sozusagen. Nun, dann kommt mal mit.“
Ryan folgte Emily, und während sie die Treppe hinaufliefen, atmete er ihr Parfüm ein. Es war ein Duft, der ihm auf eine merkwürdige Art und Weise gefiel, aber den er nicht entschlüsseln konnte. Er wusste, dass er diesem Parfüm schon irgendwann einmal begegnet war, doch wo war das gewesen?
„Wie viele… wie viele Geschwister hast du eigentlich?“ fragte er vorsichtig, doch das blitzartig auftauchende Bild seiner Schwester konnte er nicht fernhalten.
„Meine Schwester Mary lebt hier auf der Insel, und dann gibt es noch Lauren, aber die wohnt auf dem Festland und kommt nur selten her.“ Sie zögerte kurz, dann fuhr sie fort. „Letztes Jahr gab es auch noch Joline, die älteste von uns… bis der Flugzeugabsturz kam. Es heißt, der Pilot sei betrunken gewesen.“

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