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Die andere Seite des Todes (4)

rodin im karton

Die Nacht war ein Grauen, an welches sich Ryan immer wieder mit Schrecken zurückerinnerte. Es kam ihm so vor, als wenn alle zwei Sekunden der Boden knacken würde, und oft glaubte er, Schritte gehört zu haben, doch immer, wenn er sich umsah, fand er nichts. Ohne das Gespräch mit Emily wäre er verloren gewesen. Sie hatten sich am nächsten Morgen im Stadtpark verabredet, und dieser Gedanke half ihm wenigstens ein bisschen durch die Nacht.
In dem Umschlag hatte eine Einladung gesteckt, für das letzte Sommerfest in diesem Jahr. Neulinge schienen auf der Insel stets ein Highlight auf Grey Island, und Emily hatte ihm erklärt, dass das Sommerfest wahrscheinlich deshalb auf diesen Tag gelegt wurde. „Bei dem letzten Neuankömmling wurde ein Feuerwerk veranstaltet, und kein billiges. Also kannst du dich auf was gefasst machen.“, hatte ihm Emily erklärt. Sie hatten sich darauf geeinigt, sich zu duzen, und langsam begann Ryan Emily für ihre fröhliche, lockere Art zu mögen. Sie hatte ihm bereits einige wichtige Adressen und Orte auf der Insel erklärt, die Ryan in den Reiseführern und im Internet gar nicht kennen gelernt hatte.
Doch trotzdem war verspürte er eine gewisse Aufregung in sich aufsteigen, wenn er an die bevorstehenden Tage dachte und daran, wie vielen Leuten er sich noch vorstellen musste. Sein Handy lag ausgeschaltet neben ihm im Bett, und sein Blick war starr auf die Tür gerichtet, die in den Flur führte. Das ist doch albern, dachte er, wegen so etwas Angst zu haben, Halluzinationen von einer Frau, so was haben sonst nur Betrunkene. Plötzlich durchfuhr ihn ein Schaudern, und er sah den Baum auf sich zu fliegen, hörte die Schreie, sah das Blut, seine Schwester… und die Frau.
Sie saß vor ihm auf dem Bett, die langen, schwarzen Haare fielen ihr über die Schultern, und ihre tiefblauen Augen musterten ihn interessiert. Sie hatte eine so weiße Haut, dass man sie für einen Vampir oder einen Geist halten konnte. Vor lauter Schock warf Ryan sich nach hinten und wäre fast aus dem Bett gefallen, als ihn plötzlich eine erstaunlich warme Hand gerade noch rechtzeitig packte. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, und für einen Moment drehte sich alles.
„Sie sind Ryan Melborn, richtig? Der Neue hier.“
Ihre Stimme hatte einen weichen Klang, und bei ihrem Klang bekam Ryan eine Gänsehaut. „Was zum-? Wie sind sie…?“, stotterte Ryan.
“Ich dachte, ich würde sie wecken, wenn ich anklingel. Deshalb bin ich lieber direkt rein gekommen.“ Sie grinste breit.
„Was meinen sie mit direkt? Wer sind sie überhaupt und was wollen sie von mir?“
„Wer ich bin ist unwichtig, aber wieso ich hier bin sollte sie interessieren.“ Sie beugte sich vor, und ihre langen Haare streiften Ryans nackte Arme. „Tuen sie es nicht. Ich kann sie nur warnen.“ Bevor Ryan etwas sagen konnte, legte sie ihm den Finger auf die Lippen. „Shhh, Shhh. Mehr kann ich ihnen heute nicht sagen, sonst bemerkt sie mich noch. Sie hat Interesse an ihnen, ich dagegen bin ihr nur im Weg, vielleicht verstehen sie das.“
Sie nahm ihren Finger von seinen Lippen, und dann beugte sie sich vor und küsste ihn, direkt auf den Mund.
Alles schien still zu stehen. Eine Woge aus Gefühlen, die Ryan schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte, durchfuhr ihn, und er konnte nichts anderes tun, als die Augen zu schließen und sich ihr ganz hinzugeben. Er wollte nicht, dass es aufhörte, sie sollte bei ihm bleiben…
Sie löste sich von ihm, doch als er die Augen öffnete, war sie auch schon verschwunden. Was war das?, dachte er, doch noch viel stärker als seine Neugierde war die Enttäuschung, dass es so schnell vorbei war. Hatte er gerade einen Geist geküsst? Er wusste diese Frage nicht zu beantworten, doch wie durch ein Wunder war das Knarzen und Knirschen des Bodens verschwunden, und er schlief fast direkt ein.
In der Traumwelt suchte ihn kein Alptraum heim, doch vor seinem Fenster stand eine in Binden gehüllte Gestalt.

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