RAINY MONDAY
Schreibe einen Kommentar

Die andere Seite des Todes (2)

insel

Nebelbrunnen war die größte der drei Städte von Grey Island, der Flughafen bestand lediglich aus einem kleinen Landeplatz und einem Terminal, und es überraschte Ryan nicht, dass es außer ihm und der Frau nur wenige Fluggäste gegeben hatte. Grey Island war wirklich mehr eine kleine, zurückgezogene Gemeinde als ein Erholungsort für Touristen. Doch trotzdem schien man die Hoffnung nicht aufzugeben: Zu beiden Seiten konnte Ryan Hotels erkennen, wenn auch nur kleine.
„Ah, Ryan! Hier drüben!“
Ryan erkannte die Stimme sofort und entdeckte Elias in der Nähe. Er lehnte an einem glänzenden Wagen, dessen Marke Ryan nicht kannte. Elias hatte sich schon immer mehr für Autos interessiert als er. Mit einem Lächeln ging er auf seinen alten Freund zu, und sie umarmten sich zur Begrüßung. Wie früher, dachte er, nur, dass er jetzt nicht mehr nach Bier stinkt. Damals, vor dem Unfall (er biss sich auf die Unterlippe,) hatte Ryan zum ersten Mal getrunken, bei der Feier seines achtzehnten Geburtstags. Jetzt, zehn Jahre später, hatte er keinen Alkohol mehr angerührt, außer vielleicht zum Kochen. Auch Elias hatte nach dem Unfall aufgehört zu trinken, doch ihm war es schwerer gefallen als Ryan, wie er wusste.
„Und? Wie war der Flug?“ fragte Elias mit einem breiten, freundlichen Lächeln. Ryan kannte keinen freundlicheren Mann als Elias, doch auch ihm hatte der Unfall zugesetzt, wie er anhand der tiefen, dunklen Augenringe seines Freundes erkannte. Am Telefon hatte Elias behauptet, hier auf der Insel würde es ihm besser gehen, und Ryan hoffte, dass es auch ihm hier besser gehen würde.
Während er von dem Flug erzählte, betrachtete er die Landschaft um sie herum. Es gab einige Wälder, wie er erkannte, und ein Berg ragte in den Himmel, und weit oben konnte er einen Turm erkennen. Er hatte gelesen, dass ebenjener Turm aus dem Mittelalter stammte und Grey Island früher der Sitz irgendeines Königs gewesen war, doch er vermutete, dass man ihn als Attraktion aufgestellt hatte, um Touristen anzulocken. Nicht weit entfernt entdeckte er Emily, wie sie eine rothaarige Frau begrüßte. Er erkannte die Ähnlichkeit der beiden, sie hatten beide grüne Augen und waren fast gleich groß. Er stellte sich vor, wie er seine Schwester begrüßt hätte, und er verstummte.
Elias sah in fragend an, und er tat schnell so, als ob er sich verschluckt hätte.
„Hier wird es aufhören, versprochen.“ Sagte Elias mitfühlend. „Ich habe diese Träume viel seltener hier als auf dem Festland.“ Und was soll ich tun, wenn sie nicht aufhören?, dachte Ryan, doch er sagte nichts. „Komm, ich bring’ dich zu deiner Wohnung. In der Perlenstraße, da hast du dir eine feine Gegend ausgesucht.“ Sie stiegen in den Wagen, und Ryan warf Emily einen letzten Blick zu. Sie erwiderte seinen Blick und lächelte. Auch Ryan musste lächeln, und er betrachtete den Zettel mit ihrer Handynummer. Vielleicht würde er sie heute Abend einmal anrufen, dass würde ihm zumindest beim Einschlafen helfen.
„Pass auf, in den ersten Tagen hier werden dich die Leute ausfragen. Wann immer jemand Neues hierher kommt, steht er für einige Tage im Rampenlicht.“ Elias kicherte. „Du könntest sie ja alle bekochen, dann hättest du schon mal einen Job.“ Er fuhr auf eine geteerte Hauptstraße. „Du hast dir doch schon überlegt, wo du hier arbeiten möchtest?“
„Ja, hab ich. Vielleicht fange ich bei der `Haiflosse` an, die suchen noch Köche.“ Antwortete Ryan. „Oh, die Haiflosse. Ist eins der besten Restaurants hier.“ Während Elias die gesamte Lebensgeschichte der „Haiflosse“ nacherzählte, sah Ryan aus dem Fenster. Sie fuhren gerade an einem großen Friedhof vorbei, und der Anblick versetzte ihm einen Stich. Seine Schwester lag jetzt auch unter so einem Stein.
Plötzlich erschrak er. Vor einem der Gräber hatte gerade noch eine Frau mit tiefschwarzem Haar gestanden, doch im nächsten Augenblick war sie wieder verschwunden. Was war das? Dachte er. Vermutlich war es nur eine Einbildung gewesen, weiter nichts. Es war ein langer Flug gewesen, und er war müde.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>