ALLE ARTIKEL, RAINY MONDAY
Schreibe einen Kommentar

Die andere Seite des Todes (10) – Nie vergessen

„Wa- was hast du gesagt?“, fragte Ryan mit zitternder Stimme. Er bemerkte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Irgendwoher kannte er diesen Spruch- aber woher?
„Auf dem Brunnen stand: Wer mich des Unrechts bestraft, den werde ich verfluchen, und alsbald wieder zurückkehren. So ähnlich zumindest. Wieso?“ Emily warf ihm einen unsicheren Blick zu. „Du siehst ziemlich schockiert aus. Ist alles in Ordnung?“
„Ja… Natürlich. Ich hatte nur letzte Nacht nicht so gut geschlafen, daran liegt’s wahrscheinlich.“, erwiderte Ryan. Er warf einen Blick aus dem Fenster. „Also glaubst du, dass diese Bäckerin im Brunnen die Mörderin ist, die in diesem Wald herumspukt?“
„Wie gesagt, sicher bin ich mir nicht. Aber möglich wäre es.“
Sie schwiegen eine Weile. Jetzt weiß ich wieder, woher ich diese Worte kannte, dachte Ryan. Meine Tante hat dasselbe bei der Trauerfeier gesagt- oder habe ich mir das nur eingebildet? Ein ungutes Gefühl beschlich Ryan. Wurde er womöglich verrückt? Hörte er deshalb Dinge, die niemand gesagt hatte? Hatte er womöglich Angst, dass seine Schwester zurückkam und ihn holen würde? Nein, das konnte nicht sein. Die letzten Monate hatte er viel mehr damit verbracht, sich vorzustellen, was sie hätte erreichen können und was er ihr genommen hatte, nicht damit, wie sie sich als Geist rächen könnte.
„Können wir uns dieses Dorf dort hinten einmal ansehen?“, fragte Ryan. Ein wenig Ablenkung konnte nicht schaden, und vielleicht würden ihm dann die vielen Theorien über die Rückkehr seiner Schwester aus dem Kopf gejagt werden.
„Das?“ Emily folgte seinem Blick. „Da gibt’s nicht viel zu sehen. Bloß ein Museum über die Insel, eine Statue und ein paar alte Häuser. Ich habe eine viel bessere Idee, wo wir hinfahren könnten.“
„Schieß los.“, erwiderte Ryan neugierig.
„Wenn du Lust hast, könnten wir zu den Höhlen fahren.“
„Zu den Schmugglerhöhlen?“, fragte Ryan, der darüber in seinem Reiseführer gelesen hatte. Hat sich also doch gelohnt, sich so etwas anzuschaffen, dachte er.
„Ja, genau die. Zu denen gibt es auch ein paar schaurige Geschichten.“ Sie grinste. „Aber die erzähle ich dir dann, wenn wir ankommen.“
Ryan lächelte zurück. Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, eine Beziehung mit Emily einzugehen. Schließlich hatten sie die gleichen Verluste, und so, wie er es bisher beurteilte, einen ähnlichen Geschmack. Sie ähnelt dir vielleicht, weil sie ebenfalls ihre Schwester verloren hat, wisperte eine Stimme in Ryans Innern. Aber im Gegensatz zu dir saß sie nicht am Steuer. Plötzlich erschien wieder das Bild seiner toten Schwester vor Ryans Augen, die Zähne von der Wucht des Zusammenpralls ausgeschlagen und wie Kieselsteine auf dem Boden des Wagens verteilt, und ihr hing ein Auge heraus, die Pupille zuckte noch… STOP!, dachte Ryan und gewann die Fassung wieder zurück, strich sich über die Stirn. Du bist hierhergekommen, um es zu vergessen, nicht, um dich andauernd daran zurückzuerinnern. Also hör auf mit diesen Gedanken! Ryan redete sich diesen Satz immer wieder ein, und langsam bekam er wieder einen klaren Kopf.
Das Bild verschwand aus seinen Gedanken, und mit ihm verschwand die Leiche aus ihrem Grab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.